"Die heilige Maria hat meine Hand geführt"

  • vonConstantin Hoppe
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Gießen(con). Es geht um mehrere Angriffe in einem Bus und auf offener Straße: Am Dienstag startete am Gießener Landgericht ein Verfahren wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung: Ein 25-Jähriger, eritreischer Staatsbürger wird beschuldigt, ohne ersichtlichen Grund in drei Fällen andere Personen in Gießen angegriffen und teilweise verletzt zu haben. Bei allen drei Vorfällen war er aufgrund einer paranoiden Schizophrenie schuldunfähig - in der Verhandlung geht es deshalb um eine Sicherheitsverwahrung in einer psychiatrischen Einrichtung.

Laut Antrag der Staatsanwaltschaft griff der Beschuldigte am 22. Oktober 2019 in einem Bus der Linie 1 in Gießen einen anderen jungen Mann an. Unvermittelt schlug er dem heute 23-Jährigen Geschädigten zuerst dessen Handy aus der Hand und danach ins Gesicht. Ein Zeuge schritt daraufhin ein, packte den Beschuldigten und bugsierte ihn aus dem Bus heraus. Bei der Polizei gab der Eritreer später an, der andere Mann habe ihn mit seinem Handy fotografiert und mit irgendetwas eingesprüht, woraufhin er keine Luft mehr bekam - Angaben, die allerdings kein Zeuge bestätigen konnte.

Am 3. Juni diesen Jahres folgte der zweite Vorfall: In der Nähe der Bushaltestelle "An der Volkshalle" warf der Beschuldigte ohne Grund Pflastersteine nach einer Zeugin - diese trug eine Prellung am Arm davon, jedoch konnten herbeieilende weitere Zeugen den 25-Jährigen verjagen. Und nur eine Woche später, am 10. Juni, kam es zu einer weiteren Attacke auf Passanten: An der Südanlage/Ecke Goethestraße begegnete dem Angeklagten gegen 17 Uhr eine vierköpfige Gruppe. Plötzlich packte der Beschuldigte eine Frau aus der Gruppe am Hals, drückte ihr die Luft ab und stieß sie auf die Straße - zwei herannahende Autos konnten der Frau gerade noch rechtzeitig ausweichen. Die Geschädigten erlitten glücklicherweise nur Prellungen.

Vor Gericht wirkte der Beschuldigte ruhig, fast apathisch: Der schlanke, eher unauffällig wirkende 25-Jährige blickte oft zu Boden und schien dem Verhandlungsverlauf nur wenig folgen zu können - was aber eventuell auch an der bestehenden Sprachhürde liegen könnte. Zu den Vorwürfen äußerte er sich allerdings, so weit er es konnte und räumte seine Taten vollumfänglich ein: Allerdings hat er aufgrund seiner paranoid-schizophrenen Erkrankung nur noch wenige Erinnerungen: "Die heilige Maria hat da meine Hand geführt - ich kann mich nicht mehr an die Schläge oder anderes erinnern", ließ er über einen Dolmetscher mitteilen. Dabei machte er auch einen Unterschied zwischen sich und den "fremden Mächten", die sich manchmal seines Körpers bemächtigen würden: "Wenn ich das als Ich getan haben sollte, dann tut es mir leid", sagte er weiter. Schon seit langem hört der Eritreer nach eigenen Angaben Stimmen, die ihm sagen, was er tun soll: "Ich bin dazu gezwungen, das zu tun, was sie mir sagen - an Einzelheiten kann ich mich danach nicht erinnern." Auch mehreren Zeugen fiel kurz vor den Taten das seltsame Verhalten des jungen Mannes auf: "Er wirkte verwirrt. Ich dachte erst, er sei betrunken oder auf Drogen", berichtete ein Zeuge. Der 25-Jährige befindet sich seit Juni in der psychiatrischen Vitos-Klinik in Haina. Der Prozess wird fortgesetzt.

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