Heftige Schelte an Medien und Justiz

Gießen (ti). Die bekannte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen hielt die Festrede bei der Diplomfeier der Polizei-Fachhochschule und befasste dabei kritisch mit dem Verhältnis zwischen Justiz und Journalismus.

Sie sprach von sensationslüsternen Journalisten und Staatsanwälten, die viel zu früh Informationen preisgeben. Sie sprach vom Missbrauch der Medien mit dem Ziel, Gerichtsurteile zu beeinflussen. Sie sprach von versagenden Kontrollinstanzen in den Fällen "Pascal" und "Montessori" sowie den "Wormser Prozessen". Gisela Friedrichsen, die wohl bekannteste Gerichtsreporterin des Landes, übte am Freitagnachmittag in der Aula des Uni-Hauptgebäudes harsche Kritik an Medien und Justiz, um doch zum Schluss zu kommen, dass unser Rechtsstaat im Vergleich zu anderen "eigentlich ganz gut funktioniert". Anlass: die Diplomfeier der Verwaltungsfachhochschule, Fachbereich Polizei.

"Die schwierige Beziehung zwischen der Justiz und den Medien" lautete das Thema der "Spiegel"-Journalistin, die gleich zu Beginn ihrer Festrede hart mit ihresgleichen ins Gericht ging. In der Medienlandschaft werde heute häufig nur noch "einseitig", "unfair" und "maßlos" berichtet. Von der Presse, die sich einst als vierte Gewalt im Staate sah, quasi als eine Art Kontrollinstanz der Mächtigen, sei kaum noch etwas geblieben. Stattdessen sei sie "auf dem besten Weg, nur noch Sensationslust und Voyeurismus zu bedienen".

Das Problem: Statt qualifizierte Schreiber auszubilden, würden potentielle Redakteure als billige Arbeitskräfte verschlissen. Diese hätten keine Zeit zur Recherche, geschweige denn zur Selbstreflexion. "Sie lernen als erstes, dass sie keine Kosten verursachen dürfen", kritisierte Friedrichsen. Oft arbeiteten sie als freie Mitarbeiter oder Volontäre - ohne Aussicht auf eine Festanstellung. "Der Journalismus ist auf den Hund oder besser gesagt, auf das Sparschwein gekommen." Gestern Fußballspiel, heute Mordprozess - geliefert werden müsse, was ankommt, was Quote bzw. Auflage bringt. Völlig egal, ob jemand vom Gegenstand der Berichterstattung etwas versteht. Die Folge: Journalisten plapperten häufig nach, was Pressesprecher oder Interessenvertreter sagen.

Doch nicht nur die veränderte Arbeitsweise in der Medienlandschaft stand im Fokus ihrer Kritik. Schelte gab es auch für das Handeln der Justiz. Die Buchautorin sprach von Staatsanwälten, die viel zu früh Informationen herausgäben und dadurch sensationsgierigen Medienvertretern Tür und Tor öffneten. Andererseits sanktionierten sie Journalisten, wenn sie dieses Wissen gebrauchten - "eine verkehrte Welt".

Sie thematisierte bekannte Missbrauchsfälle wie "Montessori", "Pascal" oder die "Wormser Prozesse", die Lehrstücke für Polizei und Staatsanwaltschaft seien, weil die Kontrollinstanzen hier versagt hätten. Menschen seien durch die Medien vorverurteilt und von den Behörden genötigt worden. Ihre Leben - als Kinderschänder gebrandmarkt - trotz Freispruch zerstört.

Daher gab die viel zitierte Journalistin den frischgebackenen Kriminal- und Schutzpolizeibeamten vor allem eines mit auf den Weg: Nie aufzuhören, Augen und Ohren offen zu halten und sich immer selbst zu hinterfragen. Denn auf die 37 Absolventen wartet nun der Ernst des Lebens - ein Beruf, der auch Gefahren mit sich bringt, wie es Polizeipräsident Manfred Schweizer in seinem Grußwort formulierte. Ein Erfahrungsberuf, in dem vor allem die Praxis zähle. Denn was nütze dem Beamten das beste theoretische Wissen, wenn er es nicht anwenden könne.

Die theoretischen Kenntnisse bringen sie mit, auch in der Praxis wurden sie bei der Bereitschaftspolizei ausgebildet, so Kriminaldirektor Jürgen Glaum von der Verwaltungsfachhochschule. Zwei Studiengruppen hatte er gestern zu verabschieden - die Qualifikationsklasse auf der einen Seite und die Laufbahnbewerber auf der anderen. Während Erstere bereits in der Vergangenheit Dienst taten und sich über das Studium weiter qualifizierten, kamen Letztere direkt von der Schulbank. 2460 Stunden haben sie alle auf dem Buckel und dürfen sich laut Glaum nun "auf einen Beruf freuen, der mehr ist, als nur ein Job".

Im Februar 2007 bzw. 2008 hatten die Polizisten ihr Studium begonnen und in dieser Woche mit der mündlichen Laufbahnprüfung beendet. Jahrgangsbeste wurden Polizeioberkommissarin Corina Weisbrod vom Polizeipräsidium Mittelhessen und Mathieu Wolf von der Bereitschaftspolizei in Lich. Für die besten Prüfungsergebnisse erhielten sie ein Buchgeschenk.

Umrahmt wurde die rund zweistündige Diplomierungsfeier musikalisch von der Band "Gisela hört", die nach dem Funkrufnamen der Polizei Mittelhessen benannt wurde.

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