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Hebammen an Hochschulen

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Von: Kays Al-Khanak

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Unter den Augen von Andrea Funke (l.) und von Studentinnen legen Ivo Meinhold-Heerlein und Yvonne Stephan bei der simulierten Geburt Hand an. © Kays Al-Khanak

Wer Hebamme werden will, muss seit diesem Jahr ein Studium absolvieren. Gießen ist einer von drei Standorten in Hessen, wo dies möglich ist. Die Kooperation von Uni, THM und Uniklinik soll eine Chance bieten, langfristig die Rahmenbedingungen des Berufes zu verbessern.

Simone stöhnt etwas mechanisch, aber der Puls scheint in Ordnung zu sein. Bald hat sie es geschafft - ganz ohne Schmerzmittel, Stellungswechsel oder eine Tirade an Schimpfwörtern, um sich Luft zu verschaffen. In weniger als zehn Minuten hält Prof. Yvonne Stephan ein Baby in der Hand, während Prof. Ivo Meinhold-Heerlein die Hand der Gebärenden hält. Um sie herum stehen 15 junge Frauen; es sind die ersten Studentinnen der Hebammenwissenschaft in Gießen. Bei dem seit diesem Wintersemester angebotenen Studiengang kooperieren die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) und das Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM). Weitere Standorte in Hessen gibt es in Frankfurt und Fulda.

»Simone« ist ein digitale Puppe und liegt in einem Simulationsbüro an der Senckenbergstraße. An ihr können die Studierenden eine Geburt und Untersuchungen im Vorfeld einer Niederkunft üben. »Es soll so realistisch wie möglich sein«, sagt Stephan, die den Studiengang leitet. Die Puppe wiegt 30 Kilo, kann diverse Geburtsstellungen einnehmen, hat im Bauch ein Baby, eine Nabelschnur und die Plazenta, die nach der simulierten Geburt abgestoßen wird. Na gut, es blutet weniger als in der Realität. Auf der Etage gibt es zudem eine Wochenbettstation und einen Seminarraum.

Wer früher Hebamme werden wollte, ging auf eine Hebammenschule - so auch in Gießen. 56 gibt es deutschlandweit; die Ausbildung dort läuft nun langsam aus. Denn 2020 war das neue Hebammengesetz in Kraft getreten. Eine EU-Richtlinie sieht vor, dass eine zwölfjährige allgemeine Schulbildung nötig ist, um sich zur Hebamme ausbilden zu lassen. Deutschland war das letzte EU-Land, das den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO folgte und die Akademisierung umgesetzt hat. In Gießen, erzählt Stephan, hätten Vertreter von JLU, THM und UKGM innerhalb eines Jahres den Studiengang aufgebaut und akkreditieren lassen.

Die Akademisierung der Ausbildung nennt Meinhold-Heerlein »eine logische und gute Entwicklung«. Er ist Geschäftsführender Direktor und Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am UKGM. Für ihn bietet sie Chancen - wegen der Zusammenarbeit der Hochschulen und der Uniklinik. »Die THM hat mit dem dualen Studium viel Erfahrung. Niemand kann hier Theorie und Praxis so gut verknüpfen.« Die JLU punkte mit Lehre und Forschung und könne den Studierenden Labore zu Verfügung stellen. Hinzu kommt die Uniklinik, an der in diesem Jahr bereits 2000 Geburten stattgefunden hätten - darunter auch nach Risikoschwangerschaften.

Wer den dualen Bachelor-Studiengang Hebammenwissenschaft belegen will, muss sich beim UKGM bewerben. Es gibt keinen Numerus clausus, »weil Noten nur eine Zahl sind und wir die Bewerber kennenlernen wollen«, sagt Stephan. Denn gerade die Motivation spiele im Auswahlverfahren eine wichtige Rolle. Außerdem, ergänzt Meinhold-Heerlein, müssten die Bewerber auf der einen Seite gute Teamplayer sein, aber auf der anderen Seite Führungsqualitäten besitzen. »Denn sie leiten eine Geburt«, betont er. Für dieses Semester gab es 120 Bewerber; 15 wurden angenommen. Ab dem kommenden Wintersemester sollen die 30 für Gießen vorgesehenen Plätze voll ausgeschöpft werden.

Im Kreißsaal keine Parallelwelten mehr

Das Studium ist auf sieben Semester ausgelegt. Die Studierenden lernen psychosoziale Grundlagen, Grundlagen des Hebammenwissens, der Naturwissenschaft und Medizin sowie der Gesundheitsökonomie. Angedacht ist laut Meinhold-Heerlein, dass die Studierenden der Hebammenwissenschaft zusammen mit denen der Humanmedizin lernen sollen. »Manchmal gibt es zwei Parallelwelten im Kreißsaal, wodurch es zu Missverständnissen kommen kann«, sagt der Chefarzt. Wenn die angehenden Ärzte und Hebammen gemeinsam lernten, hätten sie die gleichen Kenntnisse und das gleiche Vokabular. »Das bedeutet eine Kommunikation auf Augenhöhe.« Und die kommt am Ende auch den Gebärenden zugute. Wie Meinhold-Heerlein sagt, soll es zukünftig auch die Möglichkeit zu einem Auslandssemester geben - zum Beispiel im südlichen Afrika.

In Deutschland herrscht ein Hebammenmangel. Das liegt zum einen an der Arbeitsbelastung in den Kliniken, zum anderen auch an manchen Rahmenbedingungen für Selbständige wie eine hohe Haftpflichtversicherung. Die Gießener Studentinnen lassen sich davon aber nicht abschrecken. Miriam Nepp, selbst zweifache Mutter, sagt: »Wir brauchen mehr Hebammen angesichts der Aufgaben, die sie haben.« Maja Bubat betont, Hebamme sei ein »feministischer und politischer Beruf«. Sie hofft, dass sich mit der Akademisierung die Arbeitsbedingungen verändern. »Denn es ist der einzige Job, bei dem ich mir vorstellen kann, ihn noch in 40 Jahren auszuüben.«

Andrea Funke ist die Leiterin der Hebammenschule in Gießen und zukünftig im Studiengang aktiv. Sie sagt: »Ändern muss sich vor allem die Situation der Hebammen in den Kliniken.« Ziel müsse es sein, dass sich eine Geburtshelferin um eine und nicht um drei Gebärende gleichzeitig kümmern muss. »Dafür sollten wir kämpfen.«

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