Ein "Hausbesuch" bei Europäern

  • vonChristian Schneebeck
    schließen

Streng genommen zählt schon der Kurztrip zum Ballermann. Nun lassen es sicher die wenigsten Mallorca-Fans der europäischen Idee zuliebe so richtig krachen. Aber egal, ob Party oder Bildungsreise, ob mit Sangria aus dem Eimer oder mit Cerveza im Glas: Auch jede "touristische Bewegung über Grenzen hinweg" sei ein Beispiel für das "Europa der Leute", erklärte Prof. Steffen Mau am Montagabend in der Uniaula. Im vorletzten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Europa. Eine Welt von gestern?" beschrieb der Soziologe, wann die "Europäische Vergesellschaftung" funktioniert – und wann sie scheitert.

Streng genommen zählt schon der Kurztrip zum Ballermann. Nun lassen es sicher die wenigsten Mallorca-Fans der europäischen Idee zuliebe so richtig krachen. Aber egal, ob Party oder Bildungsreise, ob mit Sangria aus dem Eimer oder mit Cerveza im Glas: Auch jede "touristische Bewegung über Grenzen hinweg" sei ein Beispiel für das "Europa der Leute", erklärte Prof. Steffen Mau am Montagabend in der Uniaula. Im vorletzten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Europa. Eine Welt von gestern?" beschrieb der Soziologe, wann die "Europäische Vergesellschaftung" funktioniert – und wann sie scheitert.

Auf einem Auge blind

Wie Gesellschaften insgesamt und ihre einzelnen Bürger die europäische Einigung erleben, stand deshalb im Mittelpunkt seines Interesses. Um diese "horizontale Europäisierung" zu analysieren, unternahm Mau einen "Hausbesuch bei den Europäern". Dieser sei dringend geboten, betonte er. Solange die Forschung nur politische und wirtschaftliche Prozesse verstehe, das heißt "vertikale", bleibe sie "auf einem Auge blind". Zumal die Vergesellschaftung längst ihre "ganz eigene Dynamik" entfalte.

Angetrieben werde diese von einer weithin bekannten Realität: Mehr Europäer denn je machten heute "Erlebnisse der Grenzüberschreitung", so Mau. Diese "Veralltäglichung der europäischen Erfahrung" betreffe Jung wie Alt, den finnischen Erasmus-Studenten ebenso wie die griechische Hausfrau mit Verwandten oder Freunden im Ausland und den polnischen Handwerker auf der Suche nach einem besser bezahlten Job. "Drei Viertel der Europäer sind in irgendeiner Weise transnational aktiv", fasste Mau entsprechende Daten zusammen.

So verbreitet grenzüberschreitende Kontakte also sind: Der Wissenschaftler zeigte auch die Unterschiede, die sich meist nach Regionen sowie sozialem Status richten. Bürger ökonomisch starker, relativ lange zur EU gehörender Länder seien öfter transnational vernetzt – namentlich die Höhergebildeten und die Besserverdienenden. Gerade diese Abhängigkeit von kulturellem und ökonomischem Kapital mache das "Europa von unten" aber letztlich zu einem "Europa von oben", einem "Klassenprojekt" für Privilegierte.

Wenn die horizontale Europäisierung bestehende Ungleichheiten jedoch verstärke, könne sie neue "Konflikträume" schaffen, so Mau. Umgekehrt belegten Studien, dass das "Doing Europe" nicht zwingend ein "Feeling European" nach sich ziehe. "Wer stärker eingebunden ist, wird nicht automatisch proeuropäischer", erläuterte der Makrosoziologe, der zudem auf einen Unterschied zwischen West- und Osteuropa hinwies: Hier migrierten vor allem die Eliten über Grenzen hinweg, dort eher die ärmeren Schichten.

Als Faustregel lasse sich festhalten: Je mehr ein Land integriert sei, desto polarisierter seien vielfach die Meinungen. Im Extremfall träfen glühende Europäer auf erbitterte Gegner, ohne dass eine nennenswerte Mitte entschärfend wirke. Weil er die europäische Vergesellschaftung so als "doppelt gespalten" darstellte, entlang der Ungleichheiten und entlang der individuellen Einstellungen, forderte Mau umso nachdrücklicher ein "Europa für alle" samt jenem "utopischen Narrativ", das dem Kontinent lange fehle.

Transnational aktiv

Abschließend zweifelte der Experte daran, dass die soziale Basis für eine weitere politische Europäisierung ausreiche. Andererseits machte er deutlich, dass die ökonomische und politische Annäherung keineswegs von selbst eine gesellschaftliche anstößt. Im schlechtesten Fall passiere sogar das Gegenteil – Kurztrip nach Mallorca hin oder her. (Foto: csk)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare