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Bundesweiter Protesttag: Viele Arztpraxen in Gießen bleiben geschlossen

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Von: Christoph Hoffmann

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Die beiden Hausärzte Horst Rainer (l.) und Witold Rak sorgen sich um die medizinische Versorgung in Gießen. © Oliver Schepp

Am Mittwoch (30. November) bleiben viele Arztpraxen in Gießen geschlossen. Die Mediziner beteiligen sich an einem bundesweiten Protesttag.

Gießen - Am Wochenende mit dem Porsche auf den Golfplatz, im Winter in das Ferienhaus im Süden. Bei vielen Menschen ist das Bild des Arztes von Wohlstand und Reichtum geprägt. Doch dieser Mythos stimmt nicht mehr. Das sagt der Allgemeinmediziner Horst Rainer aus der Gemeinschaftspraxis in der Südanlage in Gießen. »Wir nagen zwar nicht am Hungertuch, aber die Einkommenssituation verschlechtert sich zunehmend.« Das ist aber nur ein Grund, warum der Hausarzt wie viele andere Kollegen am kommenden Mittwoch seine Praxistüren geschlossen lässt.

Nach dem 26. Oktober ist der kommende Mittwoch (30. November) der zweite Protesttag der Allgemeinmediziner. In Gießen wollen sich 100 bis 150 Ärzte sowie medizinische Angestellte um 9.45 Uhr am Bahnhof treffen und durch die Stadt bis zum Seltersweg ziehen. Mit Plakaten und Flyern wollen sie auf die Probleme ihrer Branche aufmerksam zu machen.

Protesttag der Allgemeinmediziner: Viele Arztpraxen in Gießen bleiben zu

»Wir in Gießen und Umgebung beteiligen uns am Protesttag, da die ambulante medizinische Versorgung nicht mehr funktioniert«, sagt Allgemeinmediziner Witold Rak. In den Augen des Sprechers des Gesundheitsnetzes der Gießener Hausärzte ist vor allem die zunehmende Bürokratisierung ein großes Problem. Rak spricht von einer Überfrachtung sämtlicher Abläufe mit zum Teil vollkommen unsinnigen Vorgaben. Jeden Tag würden er und seine Kollegen ein bis zwei Stunden Papierberge abarbeiten müssen.

»Wenn sich an der Bürokratie nicht viel ändert, werden große medizinische Versorgungszentren die Hausärzte ablösen. Die Patienten haben dann keinen persönlichen Ansprechpartner mehr und keinen Arzt, der die Lebens- und Krankengeschichte kennt«, warnt Rak. Eine gute Versorgung umfasse jedoch mehr als das Ausstellen von Rezepten. »Wir fangen emotionale Krisen auf. Das geht nur in Gesprächen, für die es in einer anonymisierten Praxis aber keinen Platz mehr gibt.«

Weniger Bürokratie und unternehmerisches Risiko: Gießener Hausärzte verweisen auf bessere Bedingungen bei großen Versorgungszentren

Große Versorgungszentren, die etwa an Konzerne wie Rhön oder Agaplesion angeschlossen seien, hätten schon jetzt unternehmerische Vorteile gegenüber den selbstständigen Hausärzten, sagt Rainer. Da die dortigen Ärzte angestellt seien, hätten sie mit deutlich weniger Bürokratie und vor allem weniger unternehmerischen Risiko zu kämpfen. »Dadurch können sie auch bessere Gehälter für medizinisches Personal bezahlen«, sagt Rainer. »Das ist ebenfalls eine Bedrohung für uns.« Besser verdienen würden auch die dortigen Ärzte. »Ich habe mich daher selbst schon dabei ertappt, im Ärzteblatt nach freien Stellen zu suchen«, sagt Rainer.

Ein zentrales Problem in diesem Zusammenhang seien mögliche Regressandrohungen seitens der Krankenkassen. Vereinfacht ausgedrückt: Jeder Arzt hat pro Patient ein bestimmtes Budget, das er für Medikamente und Therapien ausgeben kann. Wird dies überschritten, können die Krankenkassen das auf alle Patienten der Praxis umrechnen und hohe Rückzahlungen fordern. Ein Kollege aus dem Lahn-Dill-Kreis habe zuletzt eine Forderung der Krankenkasse von einer Viertel Million Euro erhalten, sagt Rainer. Um solch eine Gefahr zu vermeiden, würden Ärzte mitunter nicht die bestmögliche Therapie oder das beste Medikament verschreiben, wenn das Budget bereits ausgereizt sei. »Das macht den Beruf für viele unattraktiv«, fügt Kollege Rak an. »Sie haben permanent die Angst im Nacken, von den Krankenkassen überprüft zu werden.«

„Wir Gießener Hausärzte sind überaltert“ - Geschlossene Praxen nur ein Vorgeschmack?

In weniger besiedelten Regionen haben es die Menschen oft jetzt schon schwer, einen Allgemeinmediziner in ihrer Nähe zu finden. Stichwort Landarztmangel. Auch der Universitätsstadt Gießen drohe solch eine Entwicklung, sagt Rainer. »Wir Gießener Hausärzte sind überaltert, über die Hälfte geht in den nächsten zehn Jahren in Rente. Für viele wird es schwer, einen Nachfolger zu finden.«

Daher gehen Rak, Rainer und ihre Kollegen am Mittwoch auf die Straße. »Die Politik entscheidet über unsere Köpfe hinweg, wir fühlen uns nicht ernstgenommen«, sagt Rainer mit Blick auf die Einführung neuer bürokratischer Regelungen. Allgemeinmediziner Rak geht es vor allem darum zu zeigen, dass die Gießener Hausärzte auch zukünftig für die Patienten da sein wollen. »Wir wollen deutlich machen: Die verschlossenen Praxistüren könnten ein Vorgeschmack darauf sein, wie die ärztliche Versorgung zukünftig aussehen könnte.« (Christoph Hoffmann)

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