Im Wolfgang-Mittermaier-Haus leben Freigänger. FOTO: SCHEPP
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Im Wolfgang-Mittermaier-Haus leben Freigänger. FOTO: SCHEPP

Ein Haus des offenen Vollzugs

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Als das Freigängerhaus neben dem Gefängnis in Gießen eröffnet wurde, sollte es einen Beitrag zu einem humanen Strafvollzug leisten. Das war vor 25 Jahren. Seitdem geht es ziemlich geräuschlos zu in der Gutfleischstraße. Ein Zeichen, dass der offene Vollzug funktioniert.

Als Mitte Dezember Martin Lesser als Leiter des Gießener Gefängnis verabschiedet und Dr. Volker Fleck als sein Nachfolger eingeführt wurde, war vor allem ein Mann allgegenwärtig: Wolfgang Mittermaier. Bei der Festveranstaltung verwiesen gleich mehrere Redner auf diesen Mann, der seit 1956 nicht mehr lebt, aber deutliche Spuren in Gießen hinterlassen hat. Nach dem Rechtswissenschaftler ist das Freigängerhaus an der Gutfleischstraße benannt, in dem seit 25 Jahren über 70 Plätze für den offenen Vollzug bereitstehen.

Mittermaier lehrte von 1903 bis 1956 an der Uni Gießen. Er war ein Verfechter der Humanisierung des Strafrechts; außerdem forderte er das Ende der damals noch gültigen Todesstrafe sowie eine Reform des Gefängniswesens. Durch seine Zivilcourage ermöglichte er dem mittlerweile verstorbenen Ehrenbürger der Stadt Gießen, Dr. Abraham Bar Menachem, noch zu einer Zeit zu promovieren, als Nationalsozialisten bereits jüdische Bürger verfolgten.

Kein Aufschrei

Ein idealer Namensgeber für ein Haus, das einen Beitrag zum humanen Strafvollzug leisten sollte, wie die damalige hessische Justizministerin Dr. Christine Hohmann-Dehnhardt vor 25 Jahren bei der Eröffnung sagte. Die Bauzeit des vierstöckigen Gebäudes lag bei zwei Jahren; die Kosten beliefen sich auf 9,4 Millionen D-Mark. Der Aufschrei, dass ein Haus für Freigänger in der unmittelbaren Innenstadt eröffnet wurde, blieb aus. Vielleicht auch deshalb, weil die Gießener genug Zeit hatten, sich an den Strafvollzug in der Gutfleischstraße zu gewöhnen: Seit 1879 gibt es das Gefängnis, in dem heute 126 Inhaftierte sitzen; knapp über die Hälfte davon sind Untersuchungshäftlinge.

Die Abteilung des offenen Vollzugs kann bis zu 74 männliche erwachsene Strafgefangene und elf männliche Jugendgefangene aufnehmen. Diese sind von den erwachsenen Gefangenen getrennt untergebracht. Kurz nach der Eröffnung konnte sich die Bevölkerung ein Bild von dem Haus machen: Ein Berichterstatter schrieb damals, es erinnere ihn mehr an eine "moderne Jugendherberge" als an eine Einrichtung der Justiz.

Alle Bewohner leben in 13,5 Quadratmeter großen Zimmern, "die zwar einfach, aber modern und solide möbliert sind", schrieb der GAZ-Autor damals. Freigänger zahlen monatlich einen bestimmten Haftkostenbeitrag. "Toiletten, Waschräume und Küchen befinden sich auf dem Gang und werden gemeinschaftlich genutzt", notierte der Journalist.

Die Eröffnung des Mittermaier-Hauses folgte dem Bestreben des Gesetzgebers, den offenen und nicht den geschlossenen Vollzug als Regel vorzusehen. Straftäter, die keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen, sollen dort untergebracht werden. Für den offenen Vollzug gibt es eine Reihe von Anforderungen, die ein Häftling erfüllen muss: die Fähigkeit zu korrekter Führung unter geringerer Aufsicht, die Bereitschaft, uneingeschränkt mitzuarbeiten und das aktive Bemühen, sich in die Gesellschaft wieder einzugliedern.

Der offene Vollzug ist deshalb nicht nur mit Gefangenen belegt, die von vornherein dafür geeignet sind. Er hat außerdem eine besondere Funktion für die Entlassungsvorbereitung für zunächst im geschlossenen Vollzug untergebrachten Häftlinge.

Kleine Schritte

In kleinen Schritten werden diese wieder an die Freiheit gewöhnt. Haben Gefangene die Eingangsphase ohne Probleme durchlaufen, werden sie in weitere sogenannte Behandlungs- und Erprobungsphasen eingewiesen. Ziel ist die Zulassung zum Freigang im freien Beschäftigungsverhältnis. Diese Gefangenen arbeiten außerhalb der JVA und kehren erst nach Arbeitsende bzw. am Abend ins Gefängnis zurück.

Die Bewohner des Mittermaier-Hauses werden dabei eng begleitet und beraten - unter anderem von Psychotherapeuten oder dem Sozialdienst. Es gibt eine Sucht- und Schuldnerberatung sowie einmal wöchentlich ein Entlassungsseminar. Im Wolfgang-Mittermaier-Haus wird seit 25 Jahren versucht, den Begriff der Resozialisierung mit Leben zu füllen.

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