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Holocaust-Zeitzeugin Edith Erbrich wird als junges Mädchen in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. FOTO: MHI

Hass, Hunger und Angst

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"Spielt nicht mit den Judenbälgern": Holocaust-Zeitzeugin Edith Erbrich hat in Gießen über ihre Kindheit, ihre Deportation ins Lager Theresienstadt und ihre Befreiung gesprochen. Den Zuhörern stockte teilweise der Atem.

Für den 9. Mai 1945 war meine Vergasung geplant, normalerweise dürfte ich heute gar nicht hier stehen." Sätze wie dieser ließen das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten ehemaligen Kunsthalle im Rathaus erstarren, als Holocaust-Zeitzeugin Edith Erbrich von ihrem Leben erzählte. "Ich hatte Glück, in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai wurde Theresienstadt von der Roten Armee befreit", schob die 83-jährige Frankfurterin nach. Sie war von der "Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer" in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität und dem Magistrat der Stadt Gießen an die Lahn eingeladen worden. Anlass: Der 75. Jahrestag der Befreiung Auschwitz’.

Noch mehr Glück empfand Erbrich, als sie nach ihrer Befreiung 1945 ihre Schwester und ihren Vater wiedertraf und schließlich sogar die Mutter in Frankfurt in die Arme schließen konnte. Gerade einmal sechs Jahre alt war Edith, als die Familie ausgebombt wurde und sie zusammen mit ihrer vier Jahre älteren Schwester und dem jüdischen Vater nach Theresienstadt deportiert wurde.

Die katholische Mutter hatte sich geweigert, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, und musste in den Ruinen Frankfurts bleiben. "Die Trennung von meiner Mutter war der schlimmste Moment in meinem Leben", machte Erbrich deutlich. "Meine Mutter hatte uns das Notwendige gepackt. Sie wollte freiwillig mit, aber sie durfte nicht. Als sich die Schiebetür geschlossen hatte, wurde sie noch einmal geöffnet. Ein Mann rief: Hebt die beiden Mädchen hoch, ihre Mutter will sie noch einmal sehen!" Genau dieses Zitat ist Teil der von Erbrich mit initiierten "Erinnerungsstätte für die in der Zeit des Nationalsozialismus aus Frankfurt am Main deportierten Jüdinnen und Juden" im Keller der ehemaligen Großmarkthalle, wo die Viehwaggons starteten und wo heute die Europäische Zentralbank steht.

"Dass dieser Gedenkweg eingerichtet wurde, ist das Größte!", sagte Erbrich, die seit 2011 Zeitzeugengespräche anbietet. Jedes Jahr im Mai kehrt sie mit einer Jugendgruppe nach Theresienstadt zurück. "Passt auf und haltet Augen und Ohren offen, damit so etwas nie wieder passiert", gibt sie den Zuhörern jeden Alters mit auf den Weg. Die Kinder hätten sich damals nichts draus gemacht, obwohl ihre Eltern ihnen befahlen: "Spielt nicht mit den Judenbälgern!"

"Der Hass kam von den Erwachsenen, dadurch hatte ich eine Kindheit ohne Schule, voller Hunger und Angst. Mein größter Wunsch ist, dass das nie wieder passiert!" Doch Erbrich spricht auch von der anderen Seite, "meinen stillen Helden und Helfern": So ließen mehrfach Arbeiter Kohle extra für die jüdischen Mädchen vom Lastwagen fallen, und alle Postkarten, die der Vater aus dem Waggon auf dem Weg nach Theresienstadt fallen ließ, seien eingeworfen worden und bei der Mutter angekommen. "Wie soll ich den Deutschen böse sein? Ich bin doch selbst eine!" antwortet Erbrich auf eine Frage aus dem Publikum und ergänzt: "Ich wollte nie weg hier, denn mein Schicksal wäre in einem anderen Land dasselbe."

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz mahnte anlässlich 1800 antisemitischer Übergriffe 2018, dass Gedenken notwendig und Erinnern Schutz gegen Wiederholung sei. Sie dankte Erbrich für ihren Einsatz. Gerhard Merz, Vorsitzender des Freundeskreises, moderierte und ermunterte die Besucher mit einem Gedicht von Hans Sahl ("Die Letzten"), die Überlebenden auszufragen. Das taten die Gießener und applaudierten stehend.

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