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Kein Kinderspiel: Der Fragebogen der Wasserbetriebe.

Harter Kampf mit dem Erfassungsbogen

  • Jens Riedel
    vonJens Riedel
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Oh je, das verstehe ich nicht, da musst du dich drum kümmern«, seufzt meine Frau, die gerade den Briefkasten geleert und einen großen A3-Umschlag aufgerissen hat. Sie schiebt mir den darin enthaltenen Papierberg zu. »Überprüfung der versiegelten Flächen im Gebiet der Universitätsstadt Gießen / Angaben zu Ihrem Grundstück«, steht auf dem Anschreiben.

Beigefügt ist ein großer Erfassungsbogen zu bebauten, überbauten und befestigten Flächen. Diesen Bogen muss man ausfüllen und zurückschicken - man hat schließlich »eine Mitwirkungspflicht nach den §§ 9 und 34 der Abwassersatzung der Stadt Gießen«, steht im Anschreiben. 13 000 Haus- und Grundstücksbesitzer in Gießen haben die DIN-A3-Pakete erhalten.

Anlass für diesen Aufwand ist, dass die Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) neben der Schmutzwassergebühr auch die sogenannte Niederschlagswassergebühr sachgerecht ermitteln wollen - und dazu aktuelle Daten benötigen. Die behördlichen Erklärungen zu dieser Maßnahme klingen durchaus kompliziert und wären eigentlich ein Fall zur Überarbeitung durch das in Gießen soeben neu gegründete »Büro für einfache und leichte Sprache«. Aber dieses Büro hatte leider seinen Betrieb noch nicht aufgenommen, als das Schreiben der MWB erstellt wurde.

Also kämpfe ich mich durch das Amtsdeutsch. Erschwerend kommt hinzu, dass der Erfassungsbogen vorgedruckte Angaben enthält, die per Luftaufnahmen ermittelt wurden, die nicht top-aktuell sind. Zum Beispiel haben wir im Spätsommer letzten Jahres eine 7 mal 4 Meter große Terrassenüberdachung neu gebaut, die das Regenwasser zum Versickern in den Garten leitet. Im Vordruck des Erfassungsbogens wird diese Fläche aber noch als versiegelte Terrasse definiert, die den darauf prasselnden Niederschlag angeblich in die Kanalisation entwässert. Und es gibt weitere Hürden: Die Regenrinne unseres Gartenhauses leitet Niederschlagswasser nicht - wie im Formular voreingetragen ist - in den Kanal, sondern ebenfalls auf die Wiese, Und unsere Zisterne, in die das Wasser vom Hausdach rinnt und die meist leer ist. leitet möglichen Überlauf ebenfalls nicht in den Abwasserkanal, sondern in einen bepflanzten Teich. Diese Option gibt es gar nicht im Formular.

Doch da naht Hilfe: »Wir haben eigens für Sie eine telefonische kostenlose Service-Hotline eingerichtet, die Ihnen bei Fragen zum Ausfüllen weiterhilft«, steht in dem Anschreiben. Ich fühle mich geehrt: Eine Hotline eigens für mich! Ich fasse Mut und rufe die Nummer an. Nach einer überraschend kurzen Zeit in einer Warteschleife höre ich eine freundliche Frauenstimme. Doch bevor wir das Fachliche erörtern, gibt es etwas Small-Talk. Dabei erfahre ich, dass die Servicefrau im Homeoffice in einem Dorf an der Grenze zu Dänemark sitzt, sie vom Telefon aus Rehe auf der Wiesen beobachten kann, sie gerne mit ihrem Hund am Strand der Insel Römö spazieren geht und dass sie schon Rentnerin ist, aber mit der Beratung etwas dazuverdient.

Dann wird es ernst: Wir gehen gemeinsam den Fragebogen durch. Dabei zeigt sich, dass die nette Dame damit ebenfalls leicht überfordert ist, denn sie kann nicht alle Fragen sicher beantworten. Zum Glück gibt es aber außer über hundert Kästchen zum Ankreuzen noch ein kleines weißes Feld für »Bemerkungen«. Dieses Feld ist - nach etwas mehr als zehn Minuten - rappelvoll. Die Arbeit ist erledigt. Tschüss, Hotline - und ab mit dem Bogen in den frankierten Rückumschlag. (jri)

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