75-jähriges Bestehen

Harte Zeiten und goldene Jahre: Rückblick zum 75. Geburtstag der »Gießener Allgemeinen«

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Die Zeitspanne von 1946 bis heute ist von permanenten Veränderungen, Neuerungen und allerlei Erfindungen geprägt. Nichts hat Bestand, alles ist im Fluss. Ein Rückblick zum GAZ-Jubiläum.

Die Gruppe Rosenstolz sang einst in ihrem Lied »Die Suche geht weiter« diese Zeile: »Ich will dich einfach nur kurz halten, um zu überprüfen, dass ich leb.« So geht es heute vielen Menschen, die nicht mehr gut Schritt halten können mit dem rasanten Tempo, mit der wachsenden Komplexität der Dinge, mit Segen und Fluch der Digitalisierung.

Machen wir eine kleine Zeitreise durch 75 Jahre Geschichte in Stadt und Kreis Gießen, in Deutschland, in Europa und in der Welt.

Zeitreise in die Welt vor 75 Jahren, als die „Freie Presse“ erstmals erschien

Sie lag in Trümmern, unsere Welt, als der Krieg schließlich auch im Pazifikraum zu Ende ging. Schon in den letzten Kriegsmonaten hatte sich ein Ost-West-Konflikt angebahnt. Die vier Alliierten sprachen schon bald nicht mehr mit einer Stimme. Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die Sowjets riegelten ihr Gebiet bald ab, schufen eine Grenzanlage, die jahrzehntelang für die Menschen im Osten unüberwindbar war. Im Jahr 1989 fiel die Mauer dann aber doch. Ein Wunder, an dem viele mitgeholfen haben. Bis dahin herrschte eine politische Eiszeit mit einem mehr oder weniger kalten Krieg, der allerdings manchmal nah dran war, sich zu erhitzen. Die starren Fronten zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO haben sich zwar aufgelöst. Aber insbesondere Russland bleibt ein schwieriger Partner.

Europa entwickelte sich nach dem Krieg schnell nach vorn, wuchs zusammen. Heute kann man bestenfalls noch von Stagnation reden. Die nationalistischen Tendenzen in manchen Ländern sind unübersehbar, und die Briten haben die EU inzwischen wieder verlassen. Viele Staaten versuchen heute auf eigene Faust ihr Glück, es bilden sich aber auch neue Allianzen und Wirtschaftszonen. China ist dabei, die Welt als Markt für die eigenen Produkte zu erobern. Populisten feiern Erfolgserlebnisse, besetzen in einigen Ländern höchste Regierungsämter. Die Trumps und Johnsons und Orbáns stützen sich oft auf »alternative Fakten«. Und haben trotzdem Zulauf. Der 11. September 2001 hat die Welt verändert und sich tief in unser Gedächtnis gegraben.

Auf was man sich stets fest verlassen kann: An der Spitze des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland steht Königin Elizabeth II. Ihre Macht ist begrenzt, aber sie und ihre Familie sorgen zuverlässig für Tratsch und Klatsch.

Coronavirus-Pandemie seit vergangenem Jahr als Zäsur

Seit einem Jahr hat Corona unser Land und die ganze Welt fest im Griff. Dabei schien die Zeit der großen Seuchen, der Pandemien, längst überwunden. Ein Fehlschluss. Die Strategien gegen Corona ähneln sich, aber in den vielleicht entscheidenden Nuancen unterscheiden sie sich dann doch. Sicher ist: Bei der Bekämpfung von Krankheiten gibt es riesige Fortschritte. Krebs und andere Leiden zeigen uns aber immer noch unsere Grenzen auf. Mit riesigen Schritten schreitet die Digitalisierung voran, sie hat mittlerweile fast alle Bereiche des Lebens erfasst. Nur wenig scheint heute noch unmöglich zu sein.

Der Mond wurde erobert, und immer wieder schaute die Menschheit mit Schrecken auf die Folgen der großen Katastrophen: Tsunamis, Erdbeben, Brände, Stürme, Überschwemmungen, Dürren. Hinzukamen Unfälle, die oft schuldhaft von Menschen verursacht wurden.

Im Kleinen, genauer in Stadt und Kreis Gießen, begann nach dem Krieg die Zeit des Wiederaufbaus. Gießen hatte es stark getroffen, auch in Kreisgemeinden wie Grünberg war die Zerstörung immens. Aber die Menschen packten an, und schon Ende der 1940er Jahre war erkennbar, wie rasant es vorangeht. Dass sich die Lebensbedingungen bald verbesserten, lässt sich auch am Durchschnittsalter von Frauen und Männern ablesen, das sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erhöht. Zweite große Aufgabe nach dem Krieg war die Integration der vertriebenen und geflüchteten Menschen. Nicht immer begegneten sich Alt- und Neubürger mit Verständnis. Dennoch schritt die Integration schnell voran.

75 Jahre: Goldene Jahre, harte Zeiten - und ein skeptischer Blick in die Zukunft

In den 1970er Jahren veränderte die Gebietsreform die Strukturen der Kommunen, die Anzahl der selbstständigen Gemeinden sank drastisch. Rückblickend kann man sagen: Ohne diese Reform ginge es vielen Kreisgemeinden finanziell schlechter, und die Infrastruktur wäre sicher nicht so wie heute. Gescheitert ist damals das Kunstgebilde »Stadt Lahn«. Das bedauert in Wetzlar und Gießen kaum jemand. Klar ist heute aber auch: Ein neue Reform ist dringend notwendig, denn gerade manche kleineren Gemeinden sind so nicht mehr lange »lebensfähig«.

Die Vereine erlebten nach dem Krieg eine Blüte. Dorfgemeinschaftshäuser wurden gebaut, mit öffentlichen Bädern, Wäschereien und Gefrieranlagen. Sie sind schon lange ein eher (zu Unrecht) belächelter Teil der Dorfgeschichte. In den Vereinen wurde Sport getrieben, gesungen und getanzt. Es gab Heimat- und Kulturvereine und sogar Skatclubs. Die Freiwilligen Feuerwehren hatten noch genug aktive Mitglieder. Die Menschen suchten und fanden Gemeinschaft. Dieser Trend hat sich vor einigen Jahren drastisch umgekehrt. Viele Vereine kämpfen ums Überleben, andere haben ihre Aktivitäten schon eingestellt. Das liegt auch daran, dass viele Menschen heutzutage lieber ihr eigenes Ding machen. Oder sich aus beruflichen Gründen nicht an starre Zeiten halten können.

Zusammenfassend kann man sagen: Wir leben (noch) in einer guten Zeit - und hatten viele goldene Jahre. Wie die Welt in 75 Jahren aussieht, malen sich manche in düsteren Farben aus, andere machen einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Was den Klimawandel betrifft, so sagen Experten, gebe es einen Punkt, an dem die Entwicklung nicht mehr gestoppt werden könne. Das hätte dann eine ganz andere Dimension als ein Corona-Lockdown über ein paar Wochen. Wenn es also ein großes, weltumspannendes Ziel für die nächsten 75 Jahre gibt, dann das: Alles dafür zu tun, damit künftige Generationen noch gut leben können - und auch goldene Jahre haben.

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