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Die Bürgerhaus-Pächter/innen trifft die Corona-Krise besonders hart., FOTO: SCHEPP

Corona

Harte Zeiten für Gießener Bürgerhaus-Pächter

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Die Corona-Krise trifft die Gastronomie knüppelhart: Wer von Saalveranstaltungen lebt wie die Pächter der Gießener Bürgerhäuser, schaut in eine ungewisse Zukunft. An den Soforthilfen gibt es Kritik.

Am 11. März hatte sich Nicole Daniel bei Facebook das letzte Mal aus dem Saal des Kleinlindener Bürgerhauses mit einem Post gemeldet. Für ein Steuerseminar mit 48 Teilnehmern hatte sie den großen Saal "coronagerecht" bestuhlen müssen. "Normalerweise würde der halbe Saal reichen, jetzt brauche ich den ganzen. Aber lieber so wie abgesagt!!!", schrieb die Pächterin auf ihrer FB-Seite.

Das Steuerseminar am Freitag, dem 13. März, war die vorerst letzte Veranstaltung im Bürgerhaus Kleinlinden, seitdem hagelte es Absagen. "Auch für den Mai sind die ersten Veranstaltungen abgesagt worden", berichtet die langjährige Pächterin im Gespräch mit der GAZ.

Die Monate zwischen Februar und Juni seien elementar für das Bewirtschaftungsgeschäft in einem Bürgerhaus, denn danach folge das "Sommerloch". "Der Februar lief super. Wir hatten 14 Prozent mehr Umsatz als letztes Jahr, auch für den März sah es gut aus, und jetzt das", sagt Daniel. Zittern muss sie jetzt unter anderem um Hochzeiten und Tagungen mit bis zu 250 Teilnehmern. "Das Jahr ist jetzt schon für die Füße", befürchtet Daniel.

Auf die Situation haben die Stadt und die Stadthallen Gießen GmbH (SHG) reagiert. So lange die von ihnen verpachteten Objekte geschlossen bleiben, muss keine Pacht gezahlt werden. "Wir haben ein großes Interesse daran, dass wir nach dieser Krise mit unseren Pächtern weiter zusammenarbeiten können", erklärt Stadträtin Astrid Eibelshäuser, die Aufsichtsratsvorsitzende der SHG, auf Anfrage.

Rödgen ist nicht betroffen

Die Regelung betrifft die Bürgerhäuser in Allendorf, Kleinlinden und Wieseck sowie die soeben erst neu verpachtete Gastronomie auf dem Schiffenberg. Nicht betroffen ist das Bürgerhaus Rödgen, da die geplante Neuverpachtung noch nicht vollzogen sei, fügt Eibelshäuser hinzu. Gestundet wird die Pacht laut Stadtsprecherin Claudia Boje auch beim "Schlosskeller" im Alten Schloss, der vom Liegenschaftsamt verwaltet wird. Wie Eibelshäuser weiter sagte, werde man sich die Situation der Pächter nach Aufhebung der Schließungsverfügung anschauen und entscheiden, ob und wann die jetzt zurückgestellten Pachtzahlungen leistbar sind.

In ihrem Fall werde die Vergütung, die sie für die Pflege der Immobilie von der SHG erhalte, mit der Pacht verrechnet, erklärt die Kleinlindener Pächterin Daniel. "Meine Nebenkosten laufen natürlich weiter", fügt sie hinzu. Ihre vier Mitarbeiter befänden sich in Kurzarbeit, die Minijobs habe sie abgemeldet.

Soforthilfe hilft Pächterin nicht

Enttäuscht ist die Bürgerhaus-Wirtin von der Praxis der Soforthilfen, die Bund und Länder den kleinen Betrieben in der Corona-Krise gewähren. "Die kann ich gar nicht in Anspruch nehmen, weil ich Rücklagen gebildet habe und noch liquide bin", erläutert Daniel. Um an die 10 000 Euro Soforthilfe zu kommen, die an Betriebe mit bis zu fünf Beschäftigten ausgezahlt würden, müsste sie eidesstattlich versichern, "dass ich das Geld im Moment nicht habe". Das werde sie natürlich nicht tun, verweist Daniel auf die strafrechtlichen Konsequenzen, die falsche Angaben nach sich ziehen könnten. Betriebe, die in der Vergangenheit solide gewirtschaftet hätten, aber in den nächsten Monaten in eine existenzbedrohende Lage geraten würden, werde so nicht geholfen. Wenn Saalveranstaltungen noch bis in den Herbst hinein verboten blieben, sehe sie auch für ihren noch gesunden Betrieb schwarz. Daniel: "Dann wäre nach 16 Jahren im Bürgerhaus Kleinlinden für mich Schluss."

Ein Schlag ins Kontor bedeutet der Ausfall der Veranstaltungen und die Stundung der Pacht freilich auch für ihre Vermieterin. Der Wirtschaftsplan der SHG, der in diesem Jahr laut Wirtschaftsplan Einnahmen durch Pacht und Saal- sowie Raumvermietungen in Höhe von rund 820 000 Euro vorsieht, dürfte gegenstandslos werden, wenn der "Shutdown" noch Monate gilt. Schwacher Trost: Die 2,2 Millionen Euro, die die SHG zwecks Modernisierung in die Kongresshalle und die Liegenschaft auf dem Schiffenberg stecken will, kommen aus der "Hessenkasse" und damit nicht aus dem Stadtsäckel.

Apropos Schiffenberg: Fragezeichen stehen laut Stadträtin Eibelshäuser auch hinter den Freiluftevents Kultursommer und Musikalischer Sommer. Entschieden ist aber noch nichts.

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