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Der neue und der bisherige Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen: Florian Czieschinski und Jürgen Matzat.

Harte Zeiten für Selbsthilfegruppen

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen hat einen neuen Leiter. Florian Czieschinski folgt auf Jürgen Matzat. Die Anlaufstelle für etwa 120 Gruppen in der Region ist seit vielen Jahren etabliert, doch in Zeiten von Corona lässt sich das primäre Ziel, Menschen zueinander zu bringen, kaum realisieren.

Egal, ob es um psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen geht oder um Leiden wie Krebs, Rheuma oder Diabetes: Viele Betroffene haben das Bedürfnis, sich mit anderen auszutauschen - ergänzend zu einer Therapie oder unabhängig davon. Vor der Pandemie konnte die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen dabei behilflich sein, eine Gruppe zu finden oder eine neue zu gründen. Derzeit kann Florian Czieschinski das nicht, denn in der Pandemie gibt es kaum Treffen. »Viele Gruppen haben sich seit einem Jahr nicht gesehen«, weiß er. Eine Verlagerung ins Netz wie in vielen andereren Bereichen habe kaum stattgefunden. Das habe damit zu tun, dass Patienten mit einem Wunsch nach Austausch höheren Alters und damit weniger netzaffin seien als Jüngere. Die Hauptursache liege jedoch woanders: Die Menschen wünschten sich direkten Kontakt, ein Videomeeting sei kein vollständiger Ersatz. Jürgen Matzat bringt es auf den Punkt: »Einen Laptop kann man nicht umarmen.« In den vergangenen Monaten, schildert Czieschinski, habe man sich durchaus kreative Lösungen einfallen lassen, Spaziergänge beipielsweise. Auch Telefonkonferenzen und Austausch über Whats-App-Gruppen gebe es. Dennoch sehnten alle das Ende der Pandemie herbei.

Der Leiter der Kontaktstelle kennt seinen jetzigen Arbeitsplatz schon lange: Der 34-Jährige hat hier seinen Zivildienst absolviert und während des Studiums der Soziologie und Politik als studentische Hilfskraft dort gearbeitet. In den vergangenen Jahren war er bei einem psychosozialen Träger tätig. Czieschinski sagt, dass es nach Corona eine Art Neustart, eine Rekonstruktionsphase geben werde. Nicht alle Gruppen würden die lange Zeit des Lockdowns überstehen, einige würden aufgeben, andere sortierten sich neu. Ohnehin habe es in den vergangenen Jahren einen Wandel gegeben, ergänzt Matzat. Es bestehe zwar der Wunsch nach einem Austausch, aber immer weniger Menschen seien bereit, sich aktiv einzubringen, beispielsweise organisatorische oder administrative Aufgaben zu übernehmen. Es sei eine konsumierende Haltung feststellbar. Ob die Pandemie diese Tendenz verstärke oder eine Art Initialzündung werde für eine neue Struktur, könne man noch nicht sagen.

Der Psychologe und Psychotherapeut Matzat hat die Kontaktstelle vor fast 40 Jahren mit aus der Taufe gehoben. Damals waren Selbsthilfegruppen noch eine exotische Spezies und wurden insbesondere von der medizinischen Fachwelt skeptisch beäugt. Der »mündige Patient«, der sich mit seiner Krankheit und deren Therapie auseinandersetzte und mitreden wollte, wurde eher als Störfaktor wahrgenommen. Das habe sich vollständig geändert, verdeutlichte Matzat. Heute sei die Einbindung von Selbsthilfeorganisationen in allen medizinischen Bereichen gesetzlich verankert, die Gruppen hätten einen Anspruch auf Unterstützung. Gießen hat bei der Erforschung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen eine lange Tradition, die Stadt gilt als Wiege der Selbsthilfeorganisationen.

Bereits 1977 begann an der Psychosomatischen Uni mit finanzieller Unterstützung durch das Gesundheitsministerium das bundesweit erste Forschungsprojekt auf diesem Gebiet, das sich speziell mit »psychologisch-therapeutischen Selbsthilfegruppen« beschäftigte. Durch die räumliche Ansiedlung der Kontaktstelle im UKGM (Friedrichstraße 33) und die intensive Kooperation mit der Psychosomatik sei eine enge Verzahnung von Selbsthilfe-system und professionellem Versorgungssystem möglich. Eine gute Kooperation gebe es auch mit anderen Fachdisziplinen wie zum Beispiel der Onkologie oder der Rheumatologie.

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