Harald Lesch
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Klimawandel

Harald Lesch über Klimawandel: "Gebt dem Irrtum eine Chance"

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Früher besuchte Harald Lesch mit der Schule das Gießener Stadttheater - am 19. März steht der "Terra X"-Moderator dort selbst auf der Bühne. Er spricht über den Klimawandel.

Sie kommen am 19. März ins Stadttheater. Ihr Vortrag steht unter dem Titel: "Sollen wir den Klimawandel akzeptieren?" Wie lautet Ihre Antwort auf diese Frage?

Harald Lesch: Den Klimawandel müssen wir natürlich akzeptieren. Die Frage ist nur: wie viel davon? Für die globale Erwärmung der letzten 150 Jahre sind wir massiv selbst verantwortlich. Und wir sehen ja, welche Konsequenzen er hat. Insofern müssen wir alles unternehmen, um den weiteren Eintrag von Treibhausgasen in die Atmosphäre zu verhindern.

Die Stadt Gießen ist einem Bürgerantrag gefolgt und hat beschlossen, bis 2035 klimaneutral sein zu wollen. Ist dieses Ziel realistisch?

Harald Lesch: Das kommt darauf an, wie intensiv sich die Gießener dranmachen. 2035 ist sehr ambitioniert. Aber man muss sich ein Ziel setzen, um sehen zu können, ob man auf einem guten Weg ist. Und dann versuchen, das möglicherweise zu intensivieren. Wir Deutschen denken bei diesem Thema immer an die Ziele, anstatt einfach mal anzufangen. Eine Stadt muss auch in eine Lernkurve kommen. Damit sie sehen kann: Aha, das funktioniert, das hat nicht funktioniert. Ich sage immer: Geben Sie dem Irrtum doch mal eine Chance!

Bisher halten sich die Bemühungen der Stadt in Grenzen. Welche Schritte sind notwendig, um solch ein Ziel zu erreichen?

Harald Lesch: Vor allem muss der Verkehr raus aus der Stadt oder elektrisch werden. Auch bei der Wärmedämmung und dem Energieverbrauch insgesamt kann eine Stadt viel tun. Man könnte zum Beispiel in Gießen alle Dächer in kommunaler oder in der Hand der Länder mit Photovoltaikanlagen zukleistern. Das wäre zudem eine Investition, die in der Stadt bleibt, wenn Betriebe aus der Region die Anlagen bauen. Wichtig dabei ist, immer die Bürger zu befragen. Nehmen Sie das Beispiel Stockholm: Dort wurde die Innenstadt autofrei. Am Anfang war der Widerstand der Bürger unglaublich groß. Als die Stadt nach einem Jahr erneut nachgefragt hat, war keiner mehr dagegen. Weil die Leute festgestellt haben, welche Vorteile damit verbunden sind.

Welche Bedeutung haben Kommunen im Kampf gegen den Klimawandel?

Harald Lesch: Die Kommune hat den Vorteil, dass sie nah an den Leuten ist. Sie ist die erste Ebene, die von den Bürgern wahrgenommen wird. Wenn es gelingt, die Bürger zu beteiligen, Stichwort Energiegenossenschaften, kommt den Kommunen eine wichtige Rolle zu. Am Ende muss der Wandel vor Ort in die Tat umgesetzt werden.

Die Kommunen allein werden es trotzdem nicht richten können. Was fordern Sie von den Regierungschefs?

Harald Lesch: In Deutschland gibt es ein Umweltbundesamt. Das hat 2012 zum ersten Mal einen Katalog aufgestellt mit dem wunderbaren Titel "umweltschädliche Subventionen". Darin wird zusammen mit der OECD vorgerechnet, dass in Deutschland 57 Milliarden Euro an Subventionen vergeben werden, die als umweltschädlich gelten. Wir haben zum Beispiel eine Subvention von 19 Cent pro Liter Diesel. Da kommen unglaubliche Mengen an Geld zusammen. Das heißt: Die Bundesregierung unterlässt nicht nur das Richtige, sie subventioniert auch noch das Falsche. Würden diese Subventionen abgeschafft, könnte das Geld genutzt werden, um die Kommunen zu unterstützen. Zum Beispiel für einen kostenlosen ÖPNV und den Bau von Photovoltaikanlagen.

Stichwort erneuerbare Energien: Es gibt viele Menschen, die ein Problem mit Windrädern haben. Sie würden die Landschaft verschandeln.

Harald Lesch: Bei Windrädern ist der Widerstand größer als bei Photovoltaikanlagen. Aber auch da gibt es eine Lösung. Der Bund müsste kommunale Windradanlagen vorfinanzieren für Genossenschaften, damit alle Bürger profitieren. Ich garantiere Ihnen: Die Ästhetik eines Windrads ändert sich, wenn Sie wissen, dass jede Umdrehung einen Cent in Ihr Portemonnaie spült.

Was kann der Bürger selbst tun?

Harald Lesch: Der Mensch kommt auf die Welt, und die Welt ist schon da. Was schon da ist, dafür kann er nichts. Wir haben eine Infrastruktur, die so schnell nicht wegzukriegen ist. Also liegt es am Verhalten. Der Bürger kann zum Beispiel seine Mobilität anpassen. Möglichst viel Zug, möglichst wenig Auto und Flugzeug. Die Ernährung kann man ändern. Dabei ist aber das Wichtigste, dass die politischen Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass der Bürger sich wohlfühlt, wenn er etwas ändert.

Was halten Sie von Verboten?

Harald Lesch: Der Freiheitsbegriff ist in Deutschland überdehnt. Wir könnten in einigen Bereichen deutlicher werden. Zum Beispiel beim Tempolimit. Es muss ja nicht alles radikal auf einmal gemacht werden. Aber der Staat muss regieren wollen. Ich bin ein großer Freund von einem Satz von Cicero: Alle Macht dem Volk, aber die Autorität muss dem Senat gehören. Die Politik darf sich nicht immer darauf zurückziehen, dass alles freiwillig passiert.

Was tun Sie persönlich, um Ihren eigenen C02-Fußabdruck kleinzuhalten?

Harald Lesch: Ich wohne in München, also einem urbanen Siedlungszentrum. Im Gegensatz zu Oberhessen, wo ich aufgewachsen bin, gibt es hier einen gut ausgebauten Nahverkehr. Außerdem fliege ich ganz selten und versuche vor allem, viel Energie zu sparen.

Warum gibt es so viele Bürger, die den menschengemachten Klimawandel leugnen?

Harald Lesch: Ich glaube gar nicht, dass es so viele gibt. Es gibt nur sehr laute. Die Klimaskeptiker sind einfach sehr laut. Das Leugnen hat verschiedene Gründe. Es ist erwiesen, dass viele Skeptiker ältere Männer sind und aus technischen Berufen stammen. Sie haben das Gefühl, dass ihre Lebensleistung nichts wert ist, weil sie die Welt in den Zustand gebracht haben, in dem wir sie heute vorfinden. Dabei ist die Faktensituation im Hinblick auf den menschlichen Einfluss völlig eindeutig.

Klären Sie uns auf!

Harald Lesch: 1955 ist der sogenannte Suess-Effekt nachgewiesen worden. Damit kann man beweisen, dass der Eintrag an Kohlenstoff in der Atmosphäre in den letzten 150 Jahren ausschließlich vom Menschen kommt. Das, was wir Menschen verbrennen, ist uralter Kohlenstoff, der eine bestimmte Art von Isotopen nicht enthält. Im Gegensatz zu natürlichen Prozessen. Das heißt, man kann ganz klar identifizieren, woher der Kohlenstoff kommt. Ich sage Skeptikern außerdem immer, sie sollen mit den Förstern, Landwirten, Winzern und denen sprechen, die vom Tourismus in den Alpen leben. Die können sehr gut erklären, wie sich das Klima in Europa verändert hat.

Sie haben eben von älteren Menschen gesprochen. Der WDR hat mit der "Umweltsau" für viel Empörung gesorgt. In Medienberichten wurde das Thema häufig mit den Trümmerfrauen illustriert. Tatsächlich zählen die Großeltern der heutigen Kinder eher zu den Babyboomern. Trifft die Kritik damit nicht die Richtigen?

Harald Lesch: Nein. Wir stoßen heute viel mehr CO2 aus als die Menschen vor 20, 30 Jahren. Und obwohl die Effizienz technischer Geräte viel besser geworden ist, verbrauchen wir heute so viel Energie wie vor 30 Jahren. Wir sollten aus dem Klimawandel keinen Generationenkonflikt machen. Schließlich haben auch Großeltern Interesse daran, dass ihre Enkel gut leben können.

Abschließend noch eine Frage zum kostenfreien Nahverkehr: In Luxemburg ist das Bus- und Bahnfahren neuerdings kostenlos. Kann man diesen Schritt auch von größeren Nationen erwarten?

Harald Lesch: Zumindest von Hessen könnte man es erwarten. So unterschiedlich kann das nicht sein. Früher hieß es einmal: Hessen vorn. Und "Hessen vorn" wäre doch bei so einer Aktion wie kostenlosem Bus- und Bahnfahren eine großartige Sache.

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