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Hannelore Tenggren: Nicht alles für die Katz’

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Von: Christine Steines

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In 20 Jahren hat Hannelore Tenggren etwa 2500 verwilderte Katzen versorgt. Für ihr Engagement ist die 64-Jährige kürzlich mit dem Hessischen Tierschutzpreis ausgezeichnet worden.

Vor einigen Wochen hat Hannelore Tenggren ein paar Tage Urlaub gemacht. Den Strand, das Nordseeklima, die Sonne – das alles hat sie sehr genossen. Einerseits. Andererseits war für die kleine Auszeit ein organisatorischer Kraftakt nötig. Schließlich stehen die rund 30 Katzen, die derzeit von der 64-Jährigen versorgt werden, jeden Tag erwartungsvoll vor ihren Näpfen. Egal, ob gerade Urlaubszeit ist. Egal, ob es stürmt, schneit oder brütend heiß ist.

Und da sind wir auch schon mitten drin in dem Dilemma, in dem die 64-Jährige steckt: Zuverlässige Vertreter oder Helfer zu finden, will nicht recht gelingen. Die wenigen Mitstreiter, die es gibt, haben mit ihren eigenen »Beständen« genug zu tun. Seit 20 Jahren kümmert sich die ehemalige Krankenschwester mit großer Leidenschaft und viel Verantwortungsgefühl um verwilderte Katzen. Sie würde gerne ein bisschen kürzer treten und sich die Aufgabe mit anderen teilen, aber da ist niemand in Sicht. Also macht sie weiter. »Was denn sonst?«

Dass es überhaupt ein Katzenproblem gibt, ist vielen Menschen überhaupt nicht bewusst. Sie wissen nicht, dass es in Wochenendgebieten, Schrebergärten, Gewerbeansiedlungen, neben Supermärkten oder verlassenen Betrieben vierbeinige Bewohner gibt, die mehr schlecht als recht überleben. Die abgemagert sind, die an ihren Krankheiten qualvoll zugrunde gehen. Und sich unkontrolliert vermehren.

Wir wollten die Welt verändern und ein bisschen besser machen

Hannelore Tenggren

Das ist in Tenggrens Augen das Hauptärgernis: Da es immer noch keine Kastrationspflicht für Katzen gibt (außer neuerdings in Buseck), hört das Elend nicht auf. Immer wieder müssen die Tierfreunde, vom Tierschutzverein Gießen oder auch vom Heuchelheimer »Katzenreich« ausrücken, um verwilderte Katzen zu fangen, sie kastrieren zu lassen und an ihren gewohnten Plätzen wieder auszusetzen. Diese Tiere sind extrem scheu und lassen sich nicht anfassen, für ein Leben als Familien- und Hauskatze kommen sie nicht in Frage.

Der Tierschutzpreis ist ein schönes Zeichen als Anerkennung ihres Engagements. Gleichzeitig hat die Verleihung ihr vor Augen geführt, dass es in der eigenen Kommune niemanden so richtig interessiert. Die anderen Preisträger wurden von Vertretern ihrer jeweiligen Gemeinde nach Wiesbaden begleitet. In Gießen hatte dafür niemand Zeit.

Gelernte Krankenschwester

Tenggren könnte ein sehr viel entspannteres Leben führen. Die Krankenschwester, die nach einer schweren Erkrankung früher in den Ruhestand ging, hat eine schöne Wohnung, einen intakten Freundeskreis, sie liebt gutes Essen, guten Rotwein und ist vielseitig interessiert. Aber nein. Sie schlägt sich die Nächte um die Ohren, um Katzen aufzuspüren, sie ist immer zur Stelle, wenn irgendwo ein armes Wesen Hilfe braucht. Dass sich ihr Engagement auf Katzen konzentriert, hat sich vor vielen Jahren so ergeben und war eigentlich Zufall.

Ein Herz für die Schwachen und Vergessenen dieser Gesellschaft hatte sie aber schon immer. Privat und beruflich. Angefangen hat es Ende der 60er Jahre in einer Wohngemeinschaft in der Schanzenstraße. Dort, wo noch heute das Suchthilfezentrum ist, schlossen sich damals engagierte junge Leute zusammen, um jenen Rat und Hilfe zu bieten, die mit sich und der Welt nicht zurecht kamen. Tenggren stammt aus Buseck, noch heute hat sie dort gute Freundinnen aus der Schulzeit. Sie ist aber schon früh eigene und unkonventionelle Wege gegangen. »Ich war ein wildes Mädchen«, erinnert sie sich.

Sie zog früh von zu Hause aus, trug bunte Gewänder, zottelige Flokati-Jacken und indischen Schmuck – kurzum, sie war hippiemäßig unterwegs und wollte gemeinsam mit anderen jungen Leute die Welt verändern und ein bisschen besser machen. Die WG eröffnete eine Teestube, die eine Anlaufstelle für Menschen mit Drogenproblemen wurde. Unterstützt wurden die jungen Leute unter anderem von Horst-Eberhard Richter, Gießens berühmtem Psychoanalytiker. »Er war ein toller Mann, von dem wir viel gelernt haben«, erinnert sich Tenggren. Im Laufe der Jahre wurde aus studentischer Eigeninitiative eine professionelle Beratungsstelle.

Lernen, sich abzugrenzen

Tenggren, die zunächst eine kaufmännische Lehre absolviert hatte, wurde Krankenschwester. Sie war lange Jahre im Licher Krankenhaus beschäftigt, später in der Psychiatrie in Gießen. Die 64-Jährige, selbst offen, fröhlich, zugewandt und pragmatisch, ist eine jener Persönlichkeiten, denen man schnell etwas von sich erzählt: Kummer und Leid, so scheint es, sind bei ihr gut aufgehoben. Die Menschen öffnen sich. »Als stünde das auf meiner Stirn geschrieben«, sagt sie und lacht. Das ist einerseits ein Zeichen von Vertrauen und Sympathie, andererseits kann es auch belastend und vereinnahmend sein.

Die 64-Jährige musste lernen, sich abzugrenzen. Das ist ihr im Laufe der Jahre ganz gut gelungen, sagt sie im Rückblick. Auch bei der Arbeit mit den Katzen versucht sie, sich nicht immer noch mehr aufzubürden, aber wenn Not am Mann ist, bleiben die guten Vorsätze auf der Strecke. Andererseits gibt ihr die Arbeit viel. Sie ist allein mit sich und der Natur, genießt die Stille, nimmt den Wechsel der Jahreszeiten bewusst wahr. Das sind schöne Momente. Und sie freut sich, wenn es gelingt, das Leben ihrer Schützlinge etwas besser zu machen. Ob diese zwei oder vier Beine haben, spielt dabei keine Rolle.

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