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Ablenkung am Steuer zählt zu den häufigsten Unfallursachen im Straßenverkehr. 

Handy im Auto

Mit dem Smartphone im Blindflug - Verstöße schwer aufzuklären

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Wer mit dem Handy in der Hand Auto fährt, gefährdet sich und andere. Nur fällt es nicht leicht, solche Delikte aufzuklären. Die Polizei Mittlehessen erklärt, warum das so ist.

Jeder weiß, wie gefährlich es ist, aber viele machen es trotzdem: Während der Autofahrt schnell einen Blick aufs Smartphone werfen, mal eben auf eine "WhatsApp" antworten oder ganz nebenbei eine Sprachnachricht schicken. Die Folgen jedoch können gravierend sein - und lebensgefährlich: Die vom Automobilclub "Mobil in Deutschland" und vom TÜV Süd initiierte Kampagne "Be Smart" geht allein für Deutschland von jährlich mindestens 500 Toten im Straßenverkehr aufgrund von Ablenkung aus; und dabei spielt das Smartphone am Steuer eine große Rolle. Die Polizei Mittelhessen spricht von einer hohen Dunkelziffer - auch deshalb, weil der Nachweis, dass das Handy Grund für die Ablenkung war, nicht leicht zu erbringen ist.

Beispielhaft für die Problematik ist der Unfall vom vergangenen Donnerstag. Zwei Menschen wurden schwer und einer leicht verletzt. Eine Audi-Fahrerin war auf der Landesstraße zwischen Gießen und Petersweiher auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal mit einem Mercedes zusammengestoßen. Auch eine Woche später suchen die Ermittler nach Zeugen für den Unfall. Das Handy der Audi-Fahrerin hat die Polizei sichergestellt und lässt es vom zuständigen Fachkommissariat auswerten.

Auch "Navi" tabu

Der Verdacht, dass die Frau abgelenkt gewesen sein könnte, habe sich aufgrund der Fahrweise ergeben, sagt Polizeisprecher Jörg Reinemer. Sie war laut Polizeibericht im Bereich einer langgestreckten Kurve etwa 500 Meter vor dem Abzweig nach Petersweiher plötzlich auf die entgegengesetzte Fahrbahn geraten.

Ein Grund für eine Ablenkung könnte das Smartphone gewesen sein, das die Polizei im Innenraum des Audis fand. "Wir überprüfen den Verdacht", sagt Reinemer. Das Ergebnis könne die Frau be- oder entlasten, betont er.

Der Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung besagt, dass nicht nur das Telefonieren im Auto verboten ist, sondern grundsätzlich das Bedienen. Dabei geht es nicht nur um Smartphones, sondern auch um andere elektronischen Geräte wie Fernseher oder Navigationsgeräte. Wer erwischt wird, muss mit einer Strafe von 100 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Kommt es zu einer Gefährung oder einem Sachschaden, drohen ein höheres Bußgeld, mehr Punkte sowie ein befristetes Fahrverbot. Stirbt bei einem solchen Unfall ein Mensch, muss sich der Verursacher wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.

Hinzu kommt die Frage der Haftung: Die Kaskoversicherung muss in der Regel bei grober Fahrlässigkeit nicht zahlen - und dies ist der Fall, wenn während der Fahrt das Smartphone genutzt wurde.

Vor allem auf Autobahnen gibt es Plakataktionen, die davor warnen, das Smartphone am Steuer zu bedienen. "Tipp tipp tot" lautet ein Slogan. Polizeisprecher Reinemer vergleicht die Situation mit einem Blindflug: "Je nach Zeitdauer der Nutzung und der Geschwindigkeit fährt jemand eine gewisse Strecke, ohne den Straßenverkehr wahrzunehmen." Das gefährde alle Verkehrsteilnehmer. Die konkreten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wer nur zwei Sekunden auf sein Mobiltelefon schaut, fährt bei Tempo 50 etwa 30 Meter, ohne den Verkehrsraum vor ihm wahrzunehmen.

Hohe Dunkelziffer

Nur fällt es der Polizei nicht leicht, Smartphonesünder auch wirklich als solche zu identifizieren. In der Regel werden Zeugen benötigt, die den Unfallhergang beobachtet haben. Die Ermittler können zwar bei einem bestehenden Verdacht das Mobiltelefon konfiszieren und auswerten. Aber im Arbeitsalltag geschieht das in der Regel vor allem bei schweren Unfällen.

Dementsprechend sind Statistiken mit Vorsicht zu genießen - die Zahlen, wie viele Unfälle wegen Ablenkung am Steuer passiert sind, sind in der Regel zu niedrig. Dafür spricht laut Reinemer alleine die Tatsache, dass die Polizei bei ihren Routinekontrollen wie jüngst in der Grünberger Straße immer wieder feststellen muss, dass sich viele Autofahrer nicht an das Handyverbot am Steuer halten.

Für die Polizei wird es immer wichtiger, mobile Endgeräte wie Smartphones zu sichern und digitale Spuren auswerten: Die IT-Forensik kann bei der Ermittlungsarbeit nützlich sein. Dafür gibt es in Gießen ein eigenes Fachkommissariat. Dort werden die Daten aber nur ausgelesen; auswerten müssen es die Mitarbeiter des für den Fall zuständigen Kommissariats.

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