Antigone alias Martin Gärtner trauert um ihre beiden im Kampf getöteten Brüder. Schwester Ismene (als Perückenkopf präsent) ist ihr dabei keine große Hilfe. FOTO: FRIESE
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Antigone alias Martin Gärtner trauert um ihre beiden im Kampf getöteten Brüder. Schwester Ismene (als Perückenkopf präsent) ist ihr dabei keine große Hilfe. FOTO: FRIESE

Haltung zeigen um jeden Preis

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Auf der taT-Studiobühne hatte am Samstag das Martin-Gärtner-Solostück "Antigone" von Bodo Wartke Premiere. Ganze 15 Zuschauer konnten die Vorstellung erleben, schließlich handelte es sich um eine Art Testlauf am Stadttheater unter den Corona-Bedingungen.

Es hat schon etwas Surreales, wenn auf der Bühne von Freiheit, Widerstand gegen die Obrigkeit und Meinungsfreiheit die Rede ist - im Zuschauerraum aber wegen Corona nur ein gutes Dutzend Zuschauer mit Abstand zueinander sitzen muss und man das Theater nur mit Mundschutz betreten darf. Aber immerhin: das erste bühnenwirksame Lebenszeichen nach dem Corona-Lockdown am Stadttheater zeigt, dass auch unter Einhaltung strenger Hygieneregeln Kultur live zu erleben möglich ist, wenn auch unter ganz neuen Vorzeichen. "Scheiß Corona" bringt es Martin Gärtner, der an diesem denkwürdigen Abend erstmals "Antigone" von Bodo Wartke sehr frei nach Sophokles erzählt, spielt, denn auch treffend auf den Punkt, um dann in den folgenden 90 pausenlosen Minuten mit seinem Spiel in Bann zu ziehen.

Die Vorgeschichte zur Ödipus-Tochter "Antigone", die ihren im Bruderkampf getöteten Bruder begraben will und sich damit todesmutig gegen das Gesetz stellt, hat Martin Gärtner seit 2012 unzählige Male mit "König Ödipus" am Stadttheater gespielt. Wer Erinnerungshilfe braucht, warum der altgriechische Held, der unwissend den eigenen Vater tötete und seine Mutter zur Frau nahm, verflucht war und mit ihm seine Nachkommen, bekommt bei "Antigone" im Schnelldurchlauf Hilfestellung. Mit Martin Gärtner, dem laut Rahmenhandlung nach der letzten "Ödipus"-Vorstellung das neue Drehbuch in die Garderobe flattert, taucht man in rasantem Tempo ein in die antike Tragödie, Teil zwei. Dass es dabei kein Happy End gibt, ist von Anfang an klar. Denn Antigone zahlt ihren Widerstand gegen Kreons Gesetz, nach dem nur einer ihrer Brüder begraben werden darf, mit ihrem Leben.

Ein Mann, 14 Rollen

Blut, Tränen, Tod, aber auch Kampf um Demokratie und um Haltung um jeden Preis hat Sophokles vor rund 2000 Jahren in seinem Stück thematisiert - und es ist aktueller denn je. Und weil Reimkabarett-Spezialist Bodo Wartke die Geschichte mit viel Witz und Musik nacherzählt, wird daraus eine amüsant-lehrreiche "Party ersten Hades" - bestens aufbereitet von Martin Gärtner in allen 14 Rollen und unter der Regie von Oliver Meyer-Ellendt.

In der von Bühnenbildner Thomas Döll optisch zwischen Antike und Jetzt entworfenen Garderobe sorgt Alexa-Double Sophi aus dem Off für die nötigen Wikipedia-Infos. Martin Gärtner kann sich im fliegenden Wechsel zwischen den Rollen am "Tastenkasten" (ein Klavier mit beachtlichem Eigenleben), mit Mundharmonika und Ukulele austoben und die musikalischen Einlagen von Rap bis Flamenco, Blues bis Soul zu echten Ohrwürmern machen. Der lispelnde Herrscher Kreon, die lieblich säuselnde aber standhafte Antigone, der sich in den Tod rappende Ödipus, der streitsüchtige Polyneikes, ein provozierend langsam sprechender Schweizer Gardist - jedem von ihnen verleiht Gärtner einen unverwechselbaren Charakter in der Textflut.

Dass sich Sätze wie "Buenos dias, Teiresias", Anspielungen auf Antigones "Bahncard 100" oder das Theseus-Lied mit Seitenhieb auf die Tyrannen der Gegenwart wie selbstverständlich in den antiken Tragödienstoff fügen, ist nicht nur der Reimkunst Wartkes zu verdanken, sondern auch dem spielfreudigen Einsatz Gärtners. Eines ist gewiss: das Stadttheater hat seinen nächsten Publikumserfolg - demnächst hoffentlich auch wieder mit mehr Zuschauern.

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