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Die Pflege alter Eltern wird meistens von den Töchtern und Schwiegertöchtern geleistet.

Häusliche Pflege

Häusliche Pflege: Wenn Kinder ihre Eltern pflegen

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In den nächsten Jahren wird die Pflege alter Eltern immer öfter ein Thema werden. Betriebe müssen darauf reagieren, dass Mitarbeiter zu Hause einen aufreibenden "Zweitjob" haben.

Ob der Papa seine Tabletten nimmt? Dem 85-Jährigen geht es gar nicht gut, er bekommt schlecht Luft. Hoffentlich lässt er nicht den Herd an, und hoffentlich setzt er sich nicht hinters Steuer. Wenn die Buchhalterin Bettina K. im Büro über ihren Kostenkalkulationen sitzt, ist sie mit den Gedanken oft zu Hause bei ihrem Vater. Der alte Herr lebt seit dem Tod seiner Frau alleine. Er war bis vor kurzem noch fit, doch nach einem Herzinfarkt vor einigen Monaten baut er rapide ab. Er braucht dringend Hilfe im Haushalt, doch alle mobilen Dienstleister winken ab: Keine Kapazitäten. 

Häusliche Pflege: Nach dem Job zum Vater

Seit kurzem kommt ein ambulanter Pflegedienst jeden zweiten Tag vorbei, das ist schon ein großer Fortschritt. Sobald Bettina K. Feierabend hat, fährt sie zum Vater. Kochen, putzen, waschen, zuhören, Termine besprechen. Und dann ist da noch die eigene Familie und der eigene Haushalt.

So wie Bettina K. geht es vielen Frauen. "Die Töchter und Schwiegertöchter tragen die Last. Ohne sie würde das Versorgungssystem zusammenbrechen", sagt Andrea Kramer, die Leiterin der Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen. Im Büro der Beko sitzen häufig verzweifelte Frauen, die die Grenzen ihrer Belastbarkeit längst überschritten haben. Während bei der Kinderbetreuung mittlerweile die Väter mit im Boot sind, sieht das bei Pflege noch anders aus. Die Beko ist ein Seismograph für sozial- und gesundheitspolitische Entwicklungen. So haben die Mitarbeiter vor vielen Jahren als erste den Handlungsbedarf aufgrund der steigenden Zahl Demenzkranker erkannt. Heute gibt es ein recht Versorgungsnetz. 

Pflege der Eltern zuhause: Ein Thema mit Brisanz

Eine ähnliche Brisanz hat nun die Pflege alter Eltern. "Unternehmen müssen reagieren, das Thema wird die Frage der Kinderbetreuung überholen", sagt Kramer. Als sie vor einigen Jahren damit begann, mit Arbeitgebern über die Notwendigkeit einer "pflegegerechten Personalpolitik" ins Gespräch zu kommen, war sie schockiert über die Ignoranz. Die meisten fühlten sich schlicht und einfach nicht zuständig. In kleinen und mittleren Betrieben ist das immer noch so, im öffentlichen Dienst und in größeren Firmen hat sich einiges getan. So können sich in einigen Unternehmen Mitarbeiter zu "Pflege-Guides" qualifizieren lassen, die in der Firma eine Lotsenfunktion übernehmen und als Ansprechpartner für Kollegen fungieren. Dies ist ein Angebot der AOK Hessen und wird vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft gefördert. 

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf: Welche Rolle spielt der Arbeitgeber?

Das Bildungswerk hat zudem eine Charta zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erarbeitet, in der sich Arbeitgeber zu einer pflegesensiblen Personalpolitik verpflichten. Ein hilfreiches Angebot ist auch ein Bildungsurlaub, den Volkshochschulen der Stadt und des Landkreises gemeinsam mit der Beko anbieten. Hierbei bekommen die Teilnehmer einen Überblick über die rechtliche Situation und die Ansprechpartner in der Region. 

Monique Schmitt hat am letzten Kurs teilgenommen. Die Verwaltungsangestellte beim RP hat durch die Fortbildung ein Stück Klarheit für sich gewonnen. Zum einen sei es wichtig, sich um Dickicht der gesetzlichen Vorgaben auszukennen, zum anderen fand sie es informativ, was für ein Hilfenetz bereits vorhanden ist. Eine wichtige Aufgabe der Zukunft sei es, das öffentliche Bewusstsein für das Thema zu schärfen.

Häusliche Pflege: Konflikte über richtigen Weg

Entscheidend sei aber auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle: Wichtig sei zu erkennen, dass die Unterstützung der alten Eltern immer nur ein Angebot sein könne, die Verantwortung für ihr Leben trügen die alten Eltern immer noch selbst. "Man durchläuft einen Lernprozess und muss das Selbstbestimmungsrecht akzeptieren, auch wenn es schwer fällt", sag sie. In vielen Familien, bestätigte Kramer, gebe es Konflikte über den richtigen Weg der Hilfe. Viele alte Menschen empfänden die Fürsorge ihrer Kinder als Einmischung. Ziel müsse sein, die richtige Balance zu finden - im Job und zu Hause. Nur wer mit seiner Energie gut haushalte, könne auf Dauer leistungsfähig sein.

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