Der Orang-Utan ist eine Dermoplastik. FOTO: PM
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Der Orang-Utan ist eine Dermoplastik. FOTO: PM

Der haarige Verwandte

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Einst war der Mensch ein Jäger und Sammler. Irgendwann kultivierte er den Ackerbau, domestizierte Tiere und wurde sesshaft. Heute kann der Mensch mit einem Mausklick eine glutenfreie Pizza bestellen und dabei über die Satelliten, die er einst ins All geschossen hat, eine Netflix-Doku sehen. Zum Beispiel über Affen. Zugegen, unsere haarigen Verwandten haben es ebenfalls ins Weltall geschafft, auch wenn sie es meist nicht schadlos überstanden haben. Trotzdem kommt der evolutionäre Schritt vom Mensch zum Affen einem Wunder gleich. Dabei ist unser Erbgut zu 99 Prozent identisch. Logisch, dass diese Verbindung auch in der Sammlung der Humanbiologie der Justus-Liebig-Universität eine zentrale Rolle spielt.

An der JLU gehört die Humanbiologie zum Institut für Allgemeine Zoologie und Entwicklungsbiologie. "Sie besitzt eine hervorragend ausgestattete Lehrsammlung, die in einem eigenen Raum untergebracht ist", betont die Sammlungskoordinatorin Dr. Alissa Theiß und fügt an, dass die Sammlung in den 60er Jahren angelegt worden sei, als die Professoren Manfred Kunter und Ulrich Schäfer die Anthropologie leiteten.

Die Humanbiologie gehört zu den Naturwissenschaften. Sie befasst sich mit der Biologie des Menschen. Neben Anatomie, Physiologie und Genetik spielt auch die Evolution eine bedeutende Rolle. Etwa die Frage, vor wie vielen Millionen Jahren die Entwicklung vom Tier zum Menschen abgeschlossen war. Auch die Pathologie gehört zum Forschungsfeld. Hier wird etwa untersucht, wie Krankheiten überstanden wurden, oder ob sich Folgen von Unfällen an den Knochen nachweisen lassen.

"Die Humanbiologie entwickelte sich Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem naturwissenschaftlichen Zweig der Anthropologie", klärt Theiß auf. Die Anthropologie, also die Wissenschaft vom Menschen, untersucht neben Biologie und Verhalten auch die menschliche Kultur. Als die Sammlung der Anthropologie 2006 aufgelöst wurde, übernahm die Humanbiologie die Objekte. "Heute wird die Sammlung für die Ausbildung der Studierenden der Biologie im Lehramt und im Bachelorstudiengang genutzt", sagt Theiß. Dr. Ellen Kauschke, die gegenwärtig die Sammlung betreut, ergänze den Objektbestand regelmäßig durch neue Modelle zur menschlichen Anatomie.

Lucy in the Sky with Diamonds

Um die menschliche Evolution anhand von Objekten "begreifbar" nachvollziehen zu können, gibt es in der Sammlung Repliken wichtiger Vor- und Frühmenschenschädel. Zum Beispiel von "Lucy", jenem fossilen Teilskelett, das 1974 in Äthiopien gefunden und auf ein Alter von 3,2 Millionen Jahren datiert wurde. Den Namen hat das Fossil übrigens dem Lied "Lucy in the Sky with Diamonds" von den Beatles zu verdanken.

Aber auch eine ganze Reihe an echten Schädeln verschiedener Affen, zum Beispiel von Schimpanse oder Gorilla, gehören zur Sammlung. "Etwas ganz besonderes ist der Orang-Utan, der neben der Eingangstür steht und einen beim Eintreten in die Sammlung begrüßt", erzählt Theiß. Das Affenmännchen lebte im Frankfurter Zoo, wo es Ende der 1960er Jahre eines natürlichen Todes starb. Sein Skelett ging an die Tiermedizin, Schädel und Fell wurden für die Anthropologische Sammlung in Gießen präpariert. Es handelt sich beim Orang-Utan also um eine sogenannte Dermoplastik. Dabei wird nur die Haut des Tiers über einen künstlich modellierten Körper gezogen. Der zugehörige Schädel liegt in einer Hängevitrine. Neben dem Orang-Utan steht ein menschliches Skelett aus Kunststoff. "Sehr eindrücklich lassen sich hier die Unterschiede zwischen Menschenaffe und Mensch erkennen", sagt Theiß. "Wenn man aber die Hand des Orang-Utans betrachtet merkt man, dass wir gar nicht so verschieden sind, wie es auf den ersten Blick scheint."

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