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Bei Punkt und Strich kann man an der Eingangstür Motivpostkarten mitnehmen. FOTO: SCHEPP

Gutscheine gegen die Krise

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Die Corona-Krise trifft die Einzelhändler in Gießen mit Wucht. Die Umsätze brechen zum Teil völlig ein. Viele Geschäftsinhaber wehren sich aber gegen den drohenden Ruin. Sie versuchen, trotz Zwangsschließung ihrer Läden zumindest kleine Einnahmen zu erzielen.

Bei Punkt und Strich am Kirchenplatz hängt eine kleine Plexiglasbox an der verriegelten Eingangstür. Darin stecken Motivpostkarten, die gratis mitgenommen werden dürfen. Es erscheint paradox: Ein gebeuteltes, wegen der Corona-Krise zwangsweise geschlossenes Geschäft hat etwas zu verschenken? "Wir unterstützen damit die Aufrechterhaltung von Sozialkontakten. Geht verantwortlich damit um. Wir füllen nach. Sorgt für euch und andere", steht neben den Gratiskarten. Zusätzlich hat Inhaber Arno Jung ein weiteres Schild aufgehängt: "Wie ihr uns helfen könnt", lautet die Überschrift. "Wenn ihr einen Gutschein von Punkt und Strich verschenken wollt, macht es JETZT! Bestellt ihn per E-Mail unter punktundstrich@web.de - egal in welcher Höhe. Er gilt unbegrenzt und hilft uns SEHR in der aktuellen Lage."

Die Idee zu den Gutscheinen hatte Jung, um ein bisschen Umsatz zu erzielen. "Wir haben ein überragendes Feedback bekommen und in den ersten zwei Tagen schon 500 Euro mit Gutscheinen erzielt", freut sich Jung über die positive Resonanz. Viele Kunden bestellen auch telefonisch und lassen sich Füller, Stifte oder Postkarten zuschicken. "Die Gießener ermuntern uns, durchzuhalten", sagt Jung. Einen kleinen Webshop hat er schon vor Corona-Zeiten betrieben. Dessen Anteil am Umsatz betrage aber nur knapp drei Prozent. Trotzdem will Jung mit attraktiven Postkarten-Sets und anderen "Paketen" nun auch den Online-Umsatz steigern.

Das Bettenhaus Schmidt in der Lahnstraße darf zwar aktuell weder Betten noch Matratzen, Decken, Kissen oder Lattenroste im Geschäft verkaufen. "Für die Reinigung von Betten, Kissen und Bezügen haben wir aber geöffnet", sagt Inhaber Martin Schmidt. Die Reinigung mache aber nur etwa zehn Prozent des Umsatzes aus - 90 Prozent fallen nun weg. Auch die Salzgrotte, die von der Familie betrieben wird, muss zu bleiben. Immerhin darf Schmidt Kunden, denen zum Beispiel der Lattenrost durchgebrochen oder deren Matratze durchgelegen ist, zu Hause besuchen. "Ich packe Lattenroste oder Matratzen, die hygienisch in Plastik eingepackt sind, ins Auto und fahre zu den Kunden", sagt er. Zudem hat er seine Reinigungsdienstleistungen erweitert und reinigt nun auch Alltagsgegenstände wie Kleidung oder Stofftiere. Außerdem verkauft er desinfizierende Seifen, Putz- und Reinigungsmittel sowie Honig aus der Region. "Das ist erlaubt, denn das sind Dinge des täglichen Bedarfs", sagt Schmidt. Als weiteres Standbein betreibt er einen kleinen Onlineshop für gesunden Schlaf.

Laden zu, Werkstatt offen

Für Fahrradhändler Martin Fügert und sein Geschäft MF Bikes in der Südanlage beginnt im Frühling normalerweise die Hochsaison im Verkauf. Doch "normal" ist für ihn aktuell nichts. Zwar darf der gelernte Fahrradmechaniker seine Werkstatt öffnen und Reparaturaufträge annehmen, aber der Radverkauf im Laden ist verboten. "Das ist bitter. Ich habe ein paar Räder auf Ebay-Kleinanzeigen und auf der Onlineplattform bikeexchange eingestellt. Aber das ersetzt den Verkauf im Laden längst nicht. Zudem sind die Margen im Online-Verkauf geringer, sagt Fügert.

Er habe aber das Glück, dass er bereits vor Corona rund 60 Prozent seines Umsatzes mit Reparaturen erzielt habe. "Ich habe derzeit viele Reparaturaufträge und konzentriere mich darauf, meinen Kunden ihre Räder schnell fertigzumachen und ihnen wieder auszuhändigen, damit sie nicht Bus fahren müssen - weil Bus fahren ja eine höhere Ansteckungsgefahr bedeutet", sagt Fügert. Griffe und Sattel desinfiziert er vor und nach der Reparatur. Die Auftragsannahme erfolgt mit zwei Metern Abstand zu den Kunden. Das Bezahlen wird entweder kontaktlos, per Geldeinwurf in den Briefkasten oder per Rechnung erledigt, um auch da die Übertragung des Virus möglichst zu verhindern.

Das Schuhhaus Waldschmidt in der Plockstraße gibt es bereits seit 116 Jahren, doch so eine extreme Ausnahmesituation hat Dirk Walbott, der das Geschäft in vierter Generation betreibt, noch nicht erlebt. Zwar hatte er schon vor der Corona-Krise einen Onlinestore, "doch das wird uns jetzt nicht retten", sagt Walbott. Das Internet mache nur rund drei Prozent seines Umsatz aus und sei wegen der hohen Retourenquote mühsam. Walbott versucht, über Facebook Schuhe zu verkaufen, die er bei Gefallen an Interessenten versendet, doch ein Ersatz für den Ladenverkauf ist das nicht. "Ich bekomme dafür zwar Likes, aber bisher hat noch niemand etwas über Facebook bestellt. Die Leute haben aktuell andere Sorgen, als Schuhe zu kaufen." Er könne die jetzige Situation höchstens einen oder zwei Monate durchhalten, sagt er, und wirkt dabei emotional sehr ergriffen. Und er versteht nicht, dass Discounter wie Aldi oder Lidl - die in ihrem Sortiment auch Non-Food wie Kleidung und Schuhe haben - diese noch verkaufen dürfen, während er sein Fachgeschäft schließen muss.

Nicht nur diese vier Beispiele zeigen, wie sich die staatlich verordneten Pandemie-Zwangsmaßnahmen auf inhabergeführte Gießener Geschäfte aus unterschiedlichen Einzelhandelszweigen auswirken und wie die Händler dagegen anzukämpfen versuchen. Das Herrenmodegeschäft Köhler im Seltersweg ruft seine Kunden zum Homeshopping auf, postet auf Instagram Kleidung und hat eine Bestell-Hotline eingerichtet (0641/9757210). Möbel Sommerlad im Schiffenberger Tal berät Kunden telefonisch und sendet Angebote per E-Mail zu. Auslieferungen oder Abholungen von Bestellungen, die bereits vor der Geschäftsschließung erfolgten, finden weiter statt, unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen. "Des Weiteren arbeiten wir an Maßnahmen, wie wir weiter für Sie da sein können. Gerade jetzt ist ein schönes Zuhause wichtig", heißt es auf der Sommerlad-Homepage. Bei Blumen Vogt im Aulweg sind zumindest telefonische Bestellungen möglich. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Zwar sind die Maßnahmen kein adäquater Ersatz für einen regulären Ladenverkauf. Doch wer als Kunde seinen Lieblingshändlern in der Krise etwas unter die Arme greifen will, findet bestimmt Möglichkeiten, dies zu tun.

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