Mensch, Gießen

Günter Bäulke: Trendsetter auf dem Tanz-Parkett

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Günter Bäulke hat Generationen von Gießenern das Tanzen gelehrt. Der heute 80-Jährige ist immer noch bei Bällen dabei; er genießt Bewunderung und ein bisschen Ehrfurcht. Ein Porträt.

Wenn Günter Bäulke einen Anfänger vor sich hat, sieht er nach spätestens einer Minute, ob er Talent hat oder nicht. Während der 80-Jährige eine solche Szene schildert, hält es ihn nicht auf dem Stuhl. Der schlanke Senior steht auf und demonstriert mit geschmeidigen Bewegungen, was er meint: Bekommt einer die Füße so gar nicht sortiert, wird es schwierig. Das macht aber nichts, denn dafür ist er ja da – beziehungsweise war es jahrzehntelang. Im Jahr 2000 übergab er die Geschäftsführung seinem Sohn Axel, der das Familienunternehmen gemeinsam mit seiner Frau Claudia seitdem mit ebenso viel Energie und Ideen führt, wie das Günter und Maria Bäulke zuvor getan haben.

Denn eines hat sich in der langen Geschichte Deutschlands erster Tanzschule immer wieder gezeigt: Tanzen zu können und anderen diese Fähigkeit zu vermitteln, ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg – das reicht aber nicht. Man muss auch ein Gespür für Trends haben und Neues wagen. Günter Bäulke hatte es in seinen jungen Jahren mit einer ganz großen Herausforderung zu tun – es galt, einen gesellschaftlichen Umbruch zu meistern.

Flucht nach vorn ergriffen

Nachdem er die Tanzschule 1958 von seinem Vater übernommen hatte, galten ein Jahrzehnt später Tanzschulen als spießig, muffig, konservativ, altbacken. Während einige Kollegen noch eine Zeitlang tapfer gegen den Zeitgeist ankämpften, ergriff er mutig und mit einer Portion Neugierde die Flucht nach vorn. Nach einer Stunde gepflegtem "Darf ich bitten?", Foxtrott und Walzer ging auf Bäulkes Parkett die Post ab. Zunächst hatten die Schüler sich brav im Dreivierteltakt gedreht und Schrittfolgen geübt, dann war ihre eigene Performance dran. Jeder für sich und doch alle zusammen sprangen, zuckten und hüpften durch Zeit und Raum – unerhört und genau das, was die Jugendlichen wollten. Das sprach sich herum, und schon war aus der vermeintlich spießigen Tanzschule ein angesagter Laden geworden. Zugeständnisse an die Mode machte Bäulke übrigens auch bei sich selbst. Als sich das Haupthaar zu lichten begann, griff er zum Toupet. Während heute eine Glatze als sexy gilt, war sie in Zeiten wallender Mähnen höchst uncool – und damit für einen modernen Tanzlehrer im wahrsten Sinne des Wortes nicht tragbar. Nur im Urlaub nahm er sich die Freiheit und ging oben ohne. "Da war ich das Ding dann mal für eine Weile los", erinnert sich Bäulke mit einem verschmitzten Lächeln.

Blick auf "lüsterne Höschen"

Apropos Mode. Schon Bäulkes Vater hatte Boogie Woogie im Programm, was die Gießener Elternschaft und den damaligen Stadtjugendpfleger auf den Plan rief. Der freie Blick auf "lüsterne Höschen" sei absolut inakzeptabel, befanden sie. Genützt hat es nichts, die Gießener Jugend war längst infiziert. Neben Standard- und lateinamerikanischen Tänzen konnte man bei Bäulke immer das lernen, was in war – und anziehen, was man wollte. Während bei den Bällen festliche Kleidung erwünscht ist, ist in den Tanzstunden alles erlaubt. "Und wenn die Jeans Löcher und Risse haben muss, dann ist das eben so", sagt der Seniorchef gelassen. Von flankierenden Benimm-Kursen inklusive der Vermittlung zivilisierter Tischmanieren ist man schon lange weg. Das heißt aber nicht, dass kein Wert auf einen höflichen Umgangston gelegt wird. "Das ergibt sich so nebenbei".

Spaß als wichtige Voraussetzung

Ihm war es immer wichtig, neben den Tanzschritten auch Spaß zu vermitteln. Dass eiserne Disziplin die Freude an Bewegung und Musik erheblich trüben kann, hat er in seiner eigenen Ausbildung erfahren. Dort kamen die jungen Herren in schwarzem Anzug und silberner Krawatte zur Tanzstunde, es wurde eisern und unermüdlich geübt, aber selten gelacht. Noch heute schüttelt es den 80-Jährigen, wenn er daran denkt. So wollte er seine Schule nie führen. Was keineswegs heißen soll, dass er von Ehrgeiz und Disziplin nichts hält. Im Gegenteil. Im Tanzsport hätte er mit Spaß und Talent allein niemals solche Erfolge erzielt. Bäulke war von 1958 bis 1972 Tanztrainer, dreimal wurde die von ihm betreute Standard-Formation des Tanzclubs Rot-Weiß Dritter bei den Deutschen Meisterschaften. Im Anschluss war er Mitbegründer des Gießener Tanz-Clubs 74. In dieser Zeit nahm er mit seiner Frau Maria an vielen Profi-Tanzturnieren teil. Da sich dieses Engagement auf Dauer nicht mit dem Beruf vereinbaren ließ, konzentrierte sich Bäulke schließlich darauf, sein Unternehmen zu führen. Das war in schwierigen Zeiten ein harter Kampf um die Existenz. Selbst ein Tanzlehrer kann nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen.

Privates und Berufliches lässt sich im Hause Bäulke schlecht trennen, das war früher so und ist heute nicht anders. Viele Kurse und Veranstaltungen laufen abends und an den Wochenenden, und sie machen nur einen Teil der Arbeit aus. "Das geht nur mit Leidenschaft und Freude", sagt Bäulke. Mit großer Leidenschaft hat der 80-Jährige auch stets Tennis gespielt und ist Ski gefahren. Mußestunden auf dem Sofa waren nie sein Ding, Bewegung sein Lebenselexir. In einem der letzten Winterurlaube in der Schweiz gab es in seinem Domizil abends Line-Dance. Bäulke reihte sich ein und machte mit. Dass "der Alte" dabei gleich eine gute Figur machte, versteht sich von selbst.

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