Durch die Beleuchtung ist sofort ersichtlich, was auf den Dias zu sehen ist. FOTO: CHH
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Durch die Beleuchtung ist sofort ersichtlich, was auf den Dias zu sehen ist. FOTO: CHH

Grzimek, Gießen und die kranken Hühner

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). "Guten Abend meine lieben Freunde." Es waren längst nicht nur Kinder, die bei diesem Satz vor Vorfreude tiefer in den Sessel rutschten. Zwischen 1956 und 1987 begrüßte der Tiermediziner, Zoologe, Verhaltensforscher und Filmemacher Bernhard Grzimek die Deutschen mit diesem Spruch zu seiner beliebten Fernsehserie "Ein Platz für Tiere". Jede Folge präsentierte Grzimek ein anderes wildes Tier aus seinem Frankfurter Zoo und nahm das Publikum mit auf eine Reise in Wildnisse des Planeten. 1960 brachte es der bekannteste Tierfachmann des Landes zu Weltruhm. Für seinen Dokumentarfilm "Serengeti darf nicht sterben" erhielt er den Oscar. Auch in Gießen dürfte darüber gejubelt worden sein. Schließlich hat Grzimek einige Zeit an der Justus-Liebig-Universität unterrichtet. Und den Professor hat er ebenfalls Gießen zu verdanken.

In der Hermann-Hoffmann-Akademie steht ein Relikt, das an Grzimek erinnert - wenn auch über Ecken. "Das ist der Grzimek-Diaschrank", sagt JLU-Sammlungskoordinatorin Alissa Theiß beim Anblick des hölzernen Kastens. "Er stammt aus den 30er Jahren und wurde von Tischlern der JLU gefertigt." Das handwerklich liebevoll verarbeitete Stück beherbergt Schubladen, in deren Auslagen etliche Dias zu finden sind. Durch das Drücken eines Knopfes werden die Bilder von unten beleuchtet. "Dadurch konnten die Professoren schnell erkennen, was auf den Dias zu sehen war, die sie für die Lehre verwenden wollten", erklärt Theiß.

In universitären Kreisen firmiert das Objekt unter dem Namen "Grzimek-Diaschrank". Das ist aber nicht gleichbedeutend mit Grzimeks Diaschrank. Denn auch wenn der Tiermediziner einige Zeit hier gelehrt hat, gibt es keine Belege, dass er den Schrank benutzt hat. Den Beinamen hat der Schrank wegen der Dias erhalten. Sie zeigen Fotos von Geflügelkrankheiten, die aus Lehrbüchern des Zoologen stammen. Denn zu Beginn seiner Karriere widmete sich Grzimek nicht Wild-, sondern Nutztieren.

Bevor Grzimek den Frankfurter Zoo aufbaute, sein Herz für Afrika entdeckte und den Menschen die Wildnis ins Wohnzimmer brachte, forschte er an der Tierärztlichen Hochschule Berlin über Geflügelkrankheiten. Seine Dissertation handelte vom Arteriensystem des Haushuhns.

"Gießen war schon damals für seine Veterinärmedizin und Geflügelgesundheit bekannt. Daher wurden auch Fotos aus Grzimeks Publikationen abfotografiert und als Dias in der Lehre eingesetzt", sagt Theiß. Grzimek selbst bekamen die Gießener 1957 zu Gesicht. Die JLU hatte den Tierfachmann als Dozenten gewonnen. Seine erste Vorlesung handelte von der Bedeutung der Zoologischen Gärten. "Er hat aber wohl auch häufig einen seiner Filme gezeigt", sagt Theiß. Den Studenten dürfte das gefallen haben.

Professor dank der JLU

Damals war Grzimek aber noch kein Professor. Seine Habilitationsschrift über "Gewichtsverlust und Luftkammervergrößerung von Eiern in handelsüblichen Packungen sowie über den Einfluss des Waschens von Eiern" war in Berlin als zu unwissenschaftlich abgelehnt worden. 1960 erhielt er aber von der Justus-Liebig-Universität die Honorarprofessur an der Veterinärmedizinischen Fakultät. "Ein geschickter Schachzug", sagt Theiß. "Die Uni konnte sich fortan mit einem weltbekannten Professor rühmen und Grzimek selbst hatte endlich seinen langersehnten Professorentitel in der Tasche."

So gesehen ist der beleuchtete Schrank, der vor seiner Zeit in der Hermann-Hoffmann-Akademie lange Jahre in der Vogelklinik stand, mehr als ein Ablageort für abfotografierte Fotos. Und wer weiß: Vielleicht hat Grzimek eines der Dias ja doch einmal für eine Vorlesung vor Gießener Studenten genutzt - wenn er nicht gerade einen seiner beliebten Filme zeigte.

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