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Atomwaffenlager

Grüner Plan für geheimnisumwitterte "Nato Site #4" in Gießen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Das alte Atomwaffenlager der US-Armee in der Gießener Wieseckaue ist ein Anlaufpunkt von "Lost-Place"-Fans. Der Bundesforst beklagt Vandalismus und setzt auf einen grünen Plan.

Sie hatten wohl Heimweh und einen speziellen Humor. "Don’t piss out", steht auf der Klappe der Schießscharte, "California Seaside" auf dem Fensterrahmen darüber. Endlose Stunden haben die schwerbewaffneten GIs hier oben auf dem Turm Wache geschoben und aufgepasst, dass den zwei Bunkern und ihrem brisanten Inhalt niemand zu nahe kam, der in der Nato Site #4 nichts zu suchen hatte.

Gut 30 Jahre nach der Schließung des Atomwaffenlagers in der Wieseckaue stellt sich ungebetenen Gästen, die in das verlassene Militärareal eindringen, kein Wachsoldat in den Weg. Getränkedosen, Feuerstellen, Graffiti und Vandalismus zeugen von diesen Besuchen des "Lost Place" am Nordrand des ehemaligen General Depots.

Eindringlinge nutzten Lockdown

"Während des Lockdowns war es besonders schlimm. Die Leute hatten Zeit und haben solche Orte aufgesucht", sagt Matthias Pollmeier vom Bundesforstbetrieb aus dem osthessischen Oberaula. Pollmeier und seine Kollegen sind für den Naturschutz auf den rund 5 000 Hektar Konversionsflächen in Hessen zuständig. Die 80 Hektar, die sich hinter dem Gewerbegebiet Alter Flughafen bis an den Segelflugplatz und die Autobahn ziehen, zählt Pollmeier zu den "interessantesten Flächen".

Das hängt mit der wechselvollen Geschichte des Geländes, ihrer ökologischen Bedeutung und nicht zuletzt den Aufgaben zusammen, die die Bundesförster im Alltag und in Zukunft hier bewältigen müssen. Alltag bedeutet für Pollmeier und den in Gießen ansässigen Revierförster Ralph Bauer vor allem Verkehrssicherung. "Ich bin fast jeden zweiten Tag hier draußen, um das nächste Loch im Zaun zu reparieren", erzählt Bauer. Pollmeier führt den Besucher zu einem riesigen Wasserbehälter, tief unten steht Wasser, überzogen von einer Algenschicht. "Wenn da einer reinfällt", murmelt Pollmeier.

Warnungen vor Asbest, scharfkantige Trümmerteile, der überall entrollte tückische Nato-Draht: alles offenbar keine Abschreckung für die Fans der verlorenen Plätze. Zuletzt drangen sie in die beiden leerstehenden Hallen ein, die vor dem Zaun am Rand des Segelflugplatzes stehen. Früher befand sich hier der Hubschrauberlandeplatz des US-Depots.

Insofern hofft Pollmeier, dass er aus Berlin bald grünes Licht für die Durchführung von Rückbaumaßnahmen erhält, denn mit der Ernennung zum Nationalen Naturerbe durch das Bundesumweltministerium liegt die Weiterentwicklung der 80 Hektar, die zum Flora-Fauna-Habitat Wieseckaue gehören, nicht mehr allein in den Händen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA). "Bis zum nächsten Frühjahr könnte das Entwicklungskonzept vorliegen", hofft Pollmeier.

Vor Jahren hatte der BIMA-Mitarbeiter selbst schon einen Plan für die Fläche entworfen. "Ökokontokonzept" steht auf dem 120 Seiten dicken Ordner, den Pollmeier mitgebracht hat. Die 80 Hektar sollten vollständig renaturiert und als naturschutzrechtliche Ausgleichsfläche für Baumaßnahmen des Bundes an Autobahnen, Bahnstrecken und Wasserstraßen dienen, denen Natur zum Opfer fällt. Mit dem Aufstieg zum Nationalen Naturerbe wurde dieser Zweck hinfällig. "NNE-Flächen sind Schutzgebiete, die nicht vorrangig für Kompensationszwecke genutzt werden dürfen", erklärt der Bundesförster.

Mit Hilfe des regionalen Naturschützer Matthias Korn und Wolfgang Wagner hatte Pollmeier damals eine Biotopkartierung und eine Maßnahmenliste erstellt. 25 Falter- und über 30, teilweise seltene Vogelarten wurden gesichtet. Die Qualität des Magerrasens sei bemerkenswert. Pollmeier: "Der Boden hier hat noch kein Gramm Dünger gesehen."

Bunker als Aussichtspunkt?

Die Abwesenheit von Landwirtschaft hat mit der langen Anwesenheit des Militärs zu tun. Pollmeier zeigt auf das Gleis, das weiter unten Richtung Segelflugplatz durch die Wiesen verläuft. "Da sind während der Nazizeit die Treibstoffwaggons ans Flugfeld des Militärflughafens gerollt". Unter der Erde befänden sich noch die riesigen Tanks für das Flugbenzin, mit dem die Heinkel-Bomber und Messerschmitt-Jäger betankt wurden. Glücklicherweise seien sie vollständig leer.

Pollmeier hat einige Ideen für das Areal und kann sich vorstellen, auf einem der beiden Bunker des Atomwaffenlagers einen Naturbeobachtungspunkt einzurichten, der über einen Stichweg erreichbar wäre. Priorität indes hat für ihn der Rückbau von Wachtürmen und Panzerwaschanlage sowie die Entsiegelung von schätzungsweise acht Hektar Asphalt- und Betonbelag. "Die Zeit drängt", sagt er und zeigt auf ein aufgebrochenes Tor.

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