Die ersten drei auf der Grünen-Liste fürs Stadtparlament (v.l.): Gerda Weigel-Greilich (Platz 1), Alexander Wright (2) und Sophie Müller (3). FOTO: MÖ
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Die ersten drei auf der Grünen-Liste fürs Stadtparlament (v.l.): Gerda Weigel-Greilich (Platz 1), Alexander Wright (2) und Sophie Müller (3). FOTO: MÖ

Kommunalwahl

Grüne wollen Nummer eins in Gießen werden

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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40 Jahre nach ihrem ersten Einzug ins Stadtparlament wollen die Grünen bei der Kommunalwahl im März stärkste Kraft in Gießen werden. Dieser Anspruch wurde am Samstag beim Listenparteitag formuliert.

Der Parteitag der Grünen im Bürgerhaus Wieseck war am Samstagmorgen eine Stunde alt und bei der Wahl des Kandidaten für Platz acht angekommen, als Versammlungsleiter Christian Zuckermann grinsend einwarf: "Das wären dann die Hälfte der Sitze im neuen Stadtparlament." 16 Sitze wären das, fast doppelt so viele wie derzeit noch und so viele, wie die SPD bei der Wahl 2016 mit 28 Prozent Stimmenanteil holte. Das reichte klar, um stärkste Fraktion zu werden und die Führerschaft in der rot-schwarz-grünen Stadtkoalition zu übernehmen. Das ist jetzt das Ziel der Grünen: Bei der Kommunalwahl am 14. März wollen sie die Nummer eins in der Stadtpolitik werden und die nächste Stadtregierung führen. "Wir wollen stärkste Kraft werden", sagte Stadtrat Alexander Wright bei seiner Bewerbungsrede für den Listenplatz zwei.

Es ist das erste Mal seit ihrem ersten Einzug in die Stadtverordnetenversammlung bei der Kommunalwahl 1981, dass die Grünen den Anspruch formulieren, SPD und CDU auf die Plätze zu verweisen. Dieses Selbstbewusstsein speist sich aus der letzten Landtags- und Europawahl, bei der die Grünen in Gießen stärkste Kraft wurden, den anhaltend guten Umfragewerten im Bund und nicht zuletzt aus einem Mitgliederboom. Mit gegenwärtig 141 Mitgliedern habe der Stadtverband seine Mitgliederzahl binnen vier Jahren nahezu verdoppelt, sagte Stadträtin Gerda Weigel-Greilich, die die Liste zum vierten Mal in Folge anführt. Von den zu diesem Zeitpunkt im Saal anwesenden 32 stimmberechtigten Mitgliedern votierten 27 für die frühere Bürgermeisterin, zwei stimmten mit Nein, ein Mitglied enthielt sich, zwei Stimmen waren ungültig. Bei den folgenden Wahlen stieg die Zahl der Stimmen auf 36, davon erhielt Wright als Nummer zwei 32-Ja-Stimmen (drei Nein, eine Enthaltung).

Fünf ganz Junge in Top Ten

Hinter dem auch erst 32-jährigen Magistratsmitglied haben die Grünen einen Generationswechsel vollzogen, den es so in der Stadtpolitik wohl noch nie gegeben hat. Auf den Plätzen drei bis fünf sowie acht und neun kandidieren mit Sophie Müller (3), Fabian Mirold-Stroh (4), Annabel Spencer (5), Michel Zörb (8) und Jana Wittig (9) Bewerber/innen, die unter 25 Jahre alt sind. Die meisten von ihnen sammelten bereits Erfahrungen in der Hochschulpolitik und verantworten im Uni-AStA Themen wie Klimaschutz und Verkehr. "Zentrales Ziel" für die Wahlperiode bis 2026 sei die Verfolgung des Ziels, Gießen bis 2035 klimaneutral zu machen, sagte Sophie Müller, die sich auf einen "coolen Wahlkampf" mit einem "bunten Haufen" freut. Die Jungen setzen auch einen neuen Akzent ein und wollen das "Nachtleben und die Clubszene in Gießen erhalten", wie Mirold-Stroh betonte. Die Partys im Freien sollen in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Die nötige Erfahrung soll der bisherige und langjährige Fraktionschef Klaus-Dieter Grothe einbringen, der auf Listenplatz sechs antritt und 34 Ja-Stimmen erhielt. "Ich habe noch nicht genug. Ich will dabei sein, wenn aus gesellschaftlichen endlich parlamentarische Mehrheiten werden", sagte Grothe. Den Fraktionsvorsitz wird er wohl an Wright abtreten.

Spitzenkandidatin Weigel-Greilich stimmte die Mitglieder auf einen harten Weg ein, um die Klimaneutralität schon in 15 Jahren zu erreichen: "Dagegen war der Atomausstieg ein Kinderspiel, denn wir werden unseren Lebensstil ändern müssen." Auch Grothe mahnte und stichelte gegen die SPD. In Gießen gebe es eine Partei, und das sei nicht die CDU, die habe sich das neue Klimaziel "auf die Fahnen geschrieben, aber die Mehrzahl in dieser Partei ahnt nicht einmal ansatzweise, welche Konsequenzen das haben wird".

"Ehrenplatz" für Brinkmann

Aus der jetzigen Fraktion stehen Christiane Janetzky-Klein (Platz 7), Joachim Grußdorf (10), Vera Strobel (11), Martin Klußmann (12) und Lea Weinel-Greilich (13) auf Listenplätzen, die die Grünen als "sicher" ansehen, Stadträtin Edith Nürnberger folgt auf 15, Auf Platz 23 hat sich die langjährige Stadtverordnete und Radverkehrsexpertin Dr. Bettina Speiser zurückgezogen und peilt aus beruflichen Gründen keine Rückkehr ins Stadtparlament an. Urgestein Prof. Heinrich Brinkmann kandidiert auf dem "Ehrenplatz" 59. Ein bekanntes Gesicht aus der Stadtgesellschaft steht auf Platz 17: Kerstin Gromes, früher Leiterin der Käthe-Kollwitz-Schule und jetzt Schulamtsdirektorin. Sie ist erst seit diesem Jahr bei den Grünen. Ihr Erweckungserlebnis sei im Februar die Wahl des FDP-Politikers Kemmerich mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsident von Thüringen gewesen, sagte die zu ihrer Motivation.

Ausdruck neuer Stärke ist nicht nur die Länge der Liste für die Wahl zum Stadtparlament, sondern Kandidaturen erstmals bei allen fünf Ortsbeiratswahlen.

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