+
Lukas Bärfuss wird als herausragender Erzähler und Dramatiker geschätzt. Bei der Lesung im taT zeigt er auch seine humorige Seite. Foto: Herzog

"Grüezi" zum Heimspiel

  • schließen

Ein kluger Kopf, ein brillanter Erzähler und Dramatiker und ein unbequemer Mahner gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft: Lukas Bärfuss ist dafür in diesem Jahr mit dem bedeutenden Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Am Donnerstagabend war der Schweizer zum zweiten Mal auf Einladung des LZG in der taT-Studiobühne zu Gast und begrüßte die Besucher mit einem munteren "Grüezi" zum "Heimspiel".

Eingeladen hatte das Literarische Zentrum zur Lesung von Lukas Bärfuss aus seinem neuen Erzählband "Malinois", in dem er die Liebe und das Begehren in kurzen, in den letzten 20 Jahren geschriebenen Geschichten analysiert. Doch natürlich kann eine Lesung mit dem frisch gekürten Büchner-Preisträger nicht nur beim Vorlesen kurzer Geschichten aus dem Erzählband verharren, noch dazu wenn der Autor seinen Verleger, Thedel von Wallmoden vom Wallstein-Verlag, mitgebracht hat. Im ausverkauften taT erlebte das Publikum denn auch ein unterhaltsames Frage-Antwort-Spiel der beiden Männer, deren gegenseitige Wertschätzung offenkundig ist.

Von Wallboden, der die "natürliche Osmose" zwischen dem Literarischen Zentrum Gießen, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU und seinem Göttinger Verlag betonte, wollte von seinem Autor wissen, ob er sich eher als politischer oder als an persönlichen Themen interessierter Erzähler verstehe und traf mit dieser Frage den Kern dessen, was Lukas Bärfuss und sein Werk ausmacht. Die Grenze sei schwer zu ziehen", formulierte der nach einigem Überlegen. "Die Art wie ich liebe und lebe, hat viel mit der Diskussion in der öffentlichen Sphäre zu tun." Ein Entweder-Oder gebe es für ihn, als "Mensch der Dämmerungszone", nicht und schließlich sei in der Literatur immer dann das Gleichgewicht zwischen beiden Positionen am schönsten, "kurz bevor es zusammenbricht".

Mittlerweile mit Preisen überschüttet, darunter eben auch dem renommierten Büchner-Preis, ist Lukas Bärfuss in der Schweiz aber eben auch nicht unumstritten. Seine ausgerechnet in der deutschen "FAZ" in einem Wutanfall formulierte Kritik an der von Rechtspopulisten geprägten Schweizer Politik haben viele Eidgenossen dem gebürtigen Berner übelgenommen, auch wenn er mittlerweile zu einer Art "Berührungsreliquie" geworden sei.

Doch Bärfuss, der sich auch in seiner an diesem Abend erstmals in gedruckter Form erhältlichen Büchner-Preisrede als Pro-Europäer positioniert, bleibt ein Mahner gegen den wiedererstarkenden Rechtsextremismus. Eine rein moralische Mahnung dagegen halte er jedoch für wenig aussichtsreich. Es sei besser, die Interessenlagen offenzulegen, "wo rechte Politik den Interessen jedes Einzelnen zuwiderläuft". Gerade in dieser Zeit, in der Zeitzeugen des Nationalsozialismus wegsterben, sei es die Aufgabe der Autoren, die Erinnerung lebendig zu halten.

Wie sprachlich und erzählerisch kunstvoll, und wie - als Antwort auf eine kritische Nachfrage aus dem Publikum noch einmal vom Verleger deutlich gemacht - auch präzise recherchiert Bärfuss seine Geschichten schreibt, wurde bei den eher kurzen Lesepassagen an diesem Abend noch einmal deutlich. In "Was ist Liebe?" aus "Malinois" ließ Bärfuss einen Mann in Liebe zu seinem Schwager entflammen. In "Was ist ein Hund?" zeigte er, wie in einer Partnerschaft das gegenseitige Nichtverstehen zum Prinzip werden kann. In "Bürgerort" machte er deutlich, wie schnell der Verlust von Heimat vonstatten gehen kann. Und mit einem Kapitel aus seinem Roman "100 Tage", in dem ein junger Mann als Entwicklungshelfer nach Ruanda aufbrechen will, führte er vor, wie schnell dessen Ideale nur durch ein verächtliches Schnalzen einer Afrikanerin in sich zusammenstürzen können. In der Erzählung "Jakobshöhe" brachte Bärfuss virtuos physikalische und chemische Phänomene mit einer Liebesaffäre in Zusammenhang. Das Zuhören war in jedem Fall ein Genuss und am Ende blieb das Gefühl, nicht nur einen brillanten Erzähler und kraftvollen Autoren erlebt zu haben, sondern auch einen der in dieser Zeit so dringend notwendigen Aufrechten. Man darf sich hoffentlich schon auf das nächste "Heimspiel" Bärfusses in Gießen freuen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare