Atomwaffenlager

Das "Ground Zero" in der Wieseckaue

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Zwischen Vogelsbergbahn, Flüchtlingsunterkünften und dem Platz der Segelflieger, liegt Gießens letztes Niemandsland. Inmitten des US-Depots lagerten während des Kalten Krieges Atomwaffen.

Ein paar Kilometer vom Vogelsbergstädtchen Schlitz entfernt liegt das Dorf Hattenbach. Durch die Sandkastenspiele der Militärs wurde es in den 70er- und 80er-Jahren weltweit berühmt als "Ground Zero"; der Ort, an dem die erste Atomwaffe des 3. Weltkriegs eingesetzt wird. Die Munition für diesen nuklearen Alptraum lagerte auch am Rand der Wieseckaue im US-Depot. Eine Reise in ein Niemandsland – und die eigene Vergangenheit.

Vor mir hüpft ein Feldhase mit weiten Sprüngen davon. Es ist ein großes Tier. Das beachtliche Wachstum wird doch nichts mit den beiden Bunkern und ihrem früheren, womöglich strahlenden Inhalt zu tun haben? Die beiden Zeugen des Kalten Kriegs bleiben stumm. Sie stehen schon lange leer – und ihre mächtigen Stahltore offen. Vor mir und den Hasen waren andere da. Im einen Bunker steht einer zerfetzte Polstergarnitur, im anderen wurde ein Feuerchen gemacht. Draußen weht ein strammer Ostwind über das verlassene Areal. Hinter mir fährt gerade ein Zug vorbei, vor mir steigt ein Segelflugzeug in den blauen Frühlingshimmel. Hier, zwischen Vogelsbergbahn, Flüchtlingsunterkünften und dem Platz der Segelflieger, liegt Gießens letztes Niemandsland.

Vieles trotz Recherchen noch im Dunkeln Viel ist nicht bekannt über das ins US-Depot integrierte Atomwaffenlager. Denn anders als die zwischen Alten-Buseck und Daubringen gelegene Special Ammunition Site (SAS) hatte die Bundeswehr mit der US-Site #4 nie etwas zu tun. Der in Gießen lebende Ex-Oberstleutnant Dr. Lothar Liebsch, der Ende der 70er Jahre die deutsche Wachmannschaft des SAS Rörshain bei Schwalmstadt befehligte, hat zum Lager am Rand der Wieseckaue recherchiert. "Ab 1979 waren hier thermonukleare Sprengköpfe für die Kurzstreckenrakete Lance gelagert", weiß Liebsch. Dabei handelte es sich um den atomaren Gefechtskopf W-70, der über eine Sprengkraft von bis zu 100 Kilotonnen verfügte. Das entspricht in etwa der dreifachen Zerstörungskraft der beiden Atombomben, die die Amerikaner 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen. Außerdem wurden laut Liebsch spezielle "Neutronen"-Sprengköpfe in den beiden Bunkern gelagert. Es habe in der Bundesrepublik damals insgesamt sechs dieser Lager gegeben.

Ebenfalls ab 1979 seien größere Umbauten im allgemein als NATO-Site 4 bezeichneten Lager vorgenommen worden. Dabei sei der markante Betonturm errichtet sowie eine Mikrowellen-Alarmanlage und eine spezielle Beleuchtung eingebaut worden. Diese zusätzlichen Sicherungsmaßnahmen hatten nach Einschätzung von Liebsch mit den Aktivitäten der Friedensbewegung zu tun, die nach und nach alle Atomwaffenlager ausfindig gemacht habe. Allerdings ist laut dem früheren Bundeswehr-Offizier bis heute unklar, welche und wie viele Nuklearprojektile in der Site #4 tatsächlich gelagert wurden. US-Army alleine für das Lager zuständig Das Lager sei ausschließlich von der US-Army betrieben und bewacht worden. Das Wachpersonal sei in der Pendleton Kaserne in der Grünberger Straße zusammen mit einem Zug der Militärpolizei untergebracht gewesen. In einem Beitrag für einen Internetblog über Atomwaffen zitierte Liebsch einen Unteroffizier der Wachmannschaft: "Unsere Aufgabe war der Schutz von Lance Warheads im Depot. Es gab drei Türme; einer aus Stahlbeton und zwei aus Stahl. Alle hatten schusssicheres Glas, Schießscharten und Suchscheinwerfer. Die Sicherungszonen bestanden aus dem dreifach umzäunten innersten Bereich, in dem sich die zwei Bunker befanden.

Dort war die Anwendung von Schusswaffen auch mit tödlichem Ergebnis befohlen. Jeder Bunker enthielt Lance Warheads in Transportbehältern. Als ältester Sergeant war es meine Aufgabe, jeden Morgen die Sprengköpfe zu zählen sowie die speziellen Verriegelungen der Bunkertore zu überprüfen." Vermutlich ab 1988 sei die Site #4 nicht mehr mit Atomsprengköpfen belegt gewesen, meint Liebsch. Deutsche Soldaten ohne Zugang zu sensiblen Bereichen Ich stehe jetzt unter dem wuchtigen Turm, der an den Tower eines Regionalflughafens oder Anlagen an der innerdeutschen Grenze erinnert. Unter ihm duckt sich ein länglicher Betonbau. Er kommt mir bekannt vor. In einem baugleichen Exemplar habe ich zwischen Oktober 1980 und Oktober 1981 viele Tage und Nächte verbracht – als Wachsoldat der Begleitbatterie des SAS Rörshain, für das Liebsch bis 1978 zuständig war. Ich erkenne die Betonvorbauten vor den Türen wieder. Sie sollten uns im Falle eines Angriffs auf das Lager vor Beschuss schützen, wenn wir ins Gelände mit den beiden Bunkern hätten ausrücken müssen.

Vorne an der Eingangsschleuse schob ich Dienst als "Schließer", eingepackt in eine Panzerweste und bewaffnet mit einer Uzi-Maschinenpistole. Der "Schließer" verfügte außerdem über einen Aktenordner. Darin befand sich eine Liste mit Namen der Personen, die Zutritt zu dem Sondermunitionslager hatten. Ich erinnere mich am mulmige Gefühle, wenn nachts um drei oder vier Uhr vorne jemand klingelte und ich raus musste, von hinten gesichert durch einen Kameraden, der sein G 3 durch die Schießscharte des Wachraums schob. Meistens waren es schlechtgelaunte amerikanische Offiziere des US-Detachements, die ihre Leute kontrollierten. Denn für den Innenbereich mit den beiden Bunkern, in der angeblich nukleare Munition für die Artillerie lagerte, war die US-Armee zuständig. So sahen auch die Abläufe in dem Lager bei Daubringen aus.

Ab 1979 waren hier thermonukleare Sprengköpfe für die Kurzstreckenrakete Lance gelagert

Ex-Oberstleutnant Dr. Lothar Liebsch

Für die Wehrpflichtigen, die damals überall in der Bundesrepublik ihren Dienst in den sogenannten "Mondscheinbatterien" leisteten, war das tägliche Realität. Dagegen würde man die Story, die 1997 von zwei US-Journalisten in dem Buch "One Point Safe" veröffentlicht wurde, heutzutage als "Fakenews" bezeichnen. Laut dem Buch hatten in der Nacht zum 5. Januar 1977 Terroristen versucht, aus der Site #4 in der Wieseckaue eine Atomwaffe zu rauben.

Der Angriff sei fehlgeschlagen, vier Terroristen des 14-köpfigen Kommandos mit dem Namen "Ulrike-Meinhof-Brigade" seien bei einem über zehnminütigen Feuergefecht mit der Wachmannschaft getötet oder verletzt worden. Amerikanische Stellen hätten den Vorgang streng geheim gehalten. Erfundene Terroristenattacke In dem Buch ging es um die Frage, wie sicher die Atomwaffenarsenale in der ehemaligen Sowjetunion sind. Als Einstieg und Aufhänger zu diesem Thema diente den Autoren die angebliche Terroristen-Attacke auf das Gießener US-Depot. Kronzeuge der Autoren für den Angriff war der frühere Kommandant des in den Rivers Barracks stationierten 42. Feldartillerie-Regiments, Oberst William F. Burns. Seine Einheit war für die eingebunkerte nukleare Munition zuständig, die mit den Lance-Rakten verschossen werden sollte. Burns wurde in dem Buch mit den Worten zitiert: "Es war nicht mehr länger eine Frage, ob Terroristen eine Nuklearwaffe stehlen wollten. In dieser Nacht haben sie es versucht." Denn hinter den Stahltüren der Bunker lagen laut Burns "genug Kilotonnen, um Deutschland von der Landkarte zu wischen".

Die frei erfundene Geschichte der Terroristenattacke knüpfte wohl an eine wahre Begebenheit aus der besagten Nacht im Januar vor 40 Jahren an. Damals hatten Terroristen der "Revolutionären Zellen" (RZ) versucht, einen Treibstofftank im US-Lager am Rödgener Udersberg in die Luft zu sprengen. Tags darauf erreichte die Redaktion der Gießener Allgemeinen ein Bekennerschreiben der RZ, in dem von einem Angriff auf das Atomwaffenlager aber nichts zu lesen war.

Nach meiner Entlassung aus der Bundeswehr im Oktober 1981 zog ich die Konsequenz und verweigerte den Wehrdienst nachträglich

Burkhard Möller

Viele von uns Wehrpflichtigen hielten damals das, was wir machten, für Wahnsinn. Auch ich war dieser Meinung. Bei Langstreckenraketen mit Vorwarnzeiten bis zu einer halben Stunde erschien mir das "Gleichgewicht des Schreckens" logisch. In den Szenarien dagegen, die mit uns durchgespielt wurden, war der Atomkrieg führbar geworden und das Schlachtfeld waren die Städte und Dörfer, aus denen viele von uns kamen.

"Schwerter zu Pflugscharen" Nach meiner Entlassung aus der Bundeswehr im Oktober 1981 zog ich die Konsequenz und verweigerte den Wehrdienst nachträglich. Dem Antrag wurde nach Anhörung durch einen Ausschuss in Wetzlar stattgegeben. Am 22. Oktober 1983 fuhr ich zur größten Demonstration der Friedensbewegung nach Bonn. Ich trug ganz bewusst den Button "Schwerter zu Pflugscharen" der unabhängigen und kirchlich organisierten DDR-Friedensbewegung, denn ein "nützlicher Idiot", der einseitige Abrüstungsschritte des Westens fordert, wollte ich nicht sein. Weit mehr als eine halbe Million Menschen sollen auf den Beinen gewesen sein. Hauptredner waren die Grünen-Politikerin Petra Kelly und der SPD-Vorsitzende Willy Brandt. Das Gelände des SAS bei Rörshain habe ich nie mehr besucht. Die nukleare Artilleriemunition, die wir dort angeblich bewacht haben, wurde 1992 abgerüstet und die frühere Harthberg-Kaserne in Schwalmstadt-Treysa 2005 endgültig geschlossen.

Info

Aus Atomwaffenlager wird Natur

Die Site #4 in der Wieseckaue ist nicht Bestandteil des Gewerbegebiets Alter Flughafen, sondern gehört zu den 75 Hektar, die vom Bundesforst renaturiert werden sollen. Seit zwei Jahren gehört dieser Teil des früheren US-Depots – wie der frühere Truppenübungsplatz auf der Hohen Warte – sogar zum "Nationalen Naturerbe". Denn dieser Teil des Depotgeländes beherbergt wichtige Brutgebiete für Neuntöter, Steinschmätzer, Schwarzkehlchen, Wiesenpieper und Rohrammer. Der Nordrand des früheren US-Depots kam für die Ernennung zum Naturerbe infrage, weil Bundesimmobilienanstalt und Stadt vor Jahren entschieden hatten, diesen Bereich dem Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) Wieseckaue zuzuschlagen. Allerdings müssen nicht nur das Atomwaffenlager, sondern unter anderem auch Einrichtungen wie eine Panzerwaschanlage und eine Tankstelle vom Bundesforst zurückgebaut werden.

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