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Entscheidung zu Verkehrsversuch in Gießen: „Auch Worst Case funktioniert“

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Von: Burkhard Möller

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Radfahrer und Autos gehen voraussichtlich in einem Jahr getrennte Wege auf dem Gießener Anlagenring.
Radfahrer und Autos gehen voraussichtlich in einem Jahr getrennte Wege auf dem Gießener Anlagenring. © Oliver Schepp

Die Gießener Stadtspitze ist optimistisch, dass der Verkehrsversuch auf dem Anlagenring nicht im Chaos endet. Bei anderen löst die Variantenentscheidung „Schockstarre“ aus.

Gießen - Man spürte regelrecht das Aha-Erlebnis, das viele Stadtverordnete und Zuhörer am Dienstagabend (17. Mai) im Sitzungssaal des Gießener Rathauses hatten. So geht das also, wenn der Verkehr der Zukunft simuliert wird. In den kurzen Videoschnipseln sausten kleine und große Fahrzeuge wie Ameisen über die Straßen und Kreuzungen eines digitalen Modells des Gießener Anlagenrings.

Die Botschaft der beschleunigten Bilder war: Der Autoverkehr läuft, auch wenn ihm auf dem Anlagenring beim Verkehrsversuch nur noch die Hälfte des Platzes zur Verfügung stehen wird. »Für eine Stadt Ihrer Größe wird der Verkehr auch in den Hauptverkehrszeiten noch ganz ordentlich laufen«, sagte der von der Stadt Gießen mit der Planung des Verkehrsversuchs beauftragte Verkehrsplaner Jens Rümenapp.

Verkehrsversuch in Gießen: Simulation zeigt, dass „es funktioniert“

Auch von der Magistratsbank gab es Beruhigungspillen vor allem für die, die - auch mit Blick auf den verstopften Anlagenring am vergangenen Samstag - ein Verkehrschaos befürchten, wenn der Autoverkehr nur noch die zwei äußeren Fahrspuren nutzen kann. Bürgermeister und Verkehrsdezernent Alexander Wright (Grüne) stellte fest: »Die Simulation zeigt: es funktioniert.« Dem schloss sich Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) an: »Auch im Worst Case funktioniert es.«

Wie berichtet, empfehlen die Planer die Umsetzung einer Variante, bei der auf den beiden inneren Fahrspuren eine Fahrradstraße mit Zweirichtungsverkehr eingerichtet wird, auf der auch die Busse verkehren, die ihre bisherigen Haltestellen weiter anfahren können. Der Autoverkehr wird auf den beiden äußeren Fahrspuren als Einbahnstraße gegen den Uhrzeigersinn geführt. Vor den großen Parkhäusern, die sich innerhalb des Gießener Anlagenrings befinden (Neustädter, Karstadt, Westanlage) wird auf den Autospuren eine kurze Zufahrt im Begegnungsverkehr ermöglicht, um lange Umwegfahrten zu vermeiden. Auch alle Anliegergrundstücke am Anlagenring sollen erreichbar bleiben.

Genug Platz mit Verkehrsversuch? Bis zu 22 000 KFZ auf zwei Spuren in Gießen

Die Nachfragen aus dem Ausschuss betrafen die Leistungsfähigkeit eines Anlagenrings mit nur noch zwei Autospuren, die prognostizierten Verkehrsverlagerungen - die Gutachter sprechen von bis zu 20 Prozent - auf Straßen innerhalb und außerhalb des Anlagenrings oder die Führung des Busverkehrs auf der auf Tempo 30 beschränkten Fahrradstraße.

Beim Thema Kapazität hakte der designierte CDU-Chef Frederik Bouffier angesichts der Prognose, wonach auf dem Gießener Anlagenring täglich weiterhin zwischen 14 000 und 22 000 Fahrzeuge unterwegs sein werden, mehrfach nach. Und mehrfach wurde ihm versichert, der Kfz-Verkehr könne »abgewickelt« werden. Mit Blick auf den Verkehrsaktionstag am vergangenen Samstag, als der Pkw-Verkehr auch außen auf einer Einbahnstraße geführt wurde, betonte Wright, dass man kurzzeitige Absperrungen für eine Demonstration nicht mit einer detaillierten Planung inklusive Ampelumbau vergleichen dürfe: »Am Samstag, das war das Worst-worst-Szenario.«

Gigg/Volt in Gießen: Positive Botschaft fehlt zum Verkehrsversuch

Lutz Hiestermann, Fraktionschef von Gigg/Volt, fehlt die positive Botschaft: »Der Verkehrsversuch ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck, damit es künftig weniger motorisierten Individualverkehr in der Stadt gibt.« Statt den Effekt einer Reduzierung abzubilden, werde nur ein statisches Worst-Case-Szenario gezeigt. Bestehende »Vorbehalte und Ängste« würden so kaum abgebaut, befürchtet Hiestermann.

Etwas verwunderlich war, dass keiner nach den Kosten fragte. Denn eine Aussage dazu enthielt die Präsentation nicht. Und auch die Vorteile, die die auszuführende Variante für die Radfahrer bringen soll, waren kaum ein Thema. »Die Fahrradstraße bringt viel mehr Sicherheit«, sagte Christiane Janetzky-Klein (Grüne).

In einem Vorgespräch mit der Presse hatte Wright am Dienstag angekündigt, nun konkrete Umsetzungsschritte zu beauftragen. Einen Projektantrag an die Stadtverordnetenversammlung, dann auch mit einem Kostenrahmen, soll es zum Verkehrsversuch wohl nicht mehr geben. Es gilt nach wie vor der kurz vor der Kommunalwahl im März 2021 mehrheitlich beschlossene Arbeitsauftrag.

Gießener Handel: Bereitschaft zur »Notbremse«?

Beim Gießener Einzelhandel hat die Variantenentscheidung zum Verkehrsversuch auf dem Anlagenring »auf den ersten Blick eine gewisse Schockstarre« ausgelöst. Grund laut dem BID-Seltersweg-Vorsitzenden Heinz-Jörg Ebert: Die Variante, bei der der Autoverkehr auf den beiden äußeren Spuren als Einbahnstraße geführt wird, entspreche »grob« der Verkehrsführung, die am vergangenen Samstag zu einem Verkehrschaos und »allgemeinem Kopfschütteln« geführt hatte, erklärt Ebert in einer Stellungnahme zur Präsentation der verschiedenen Ausführungsvarianten.

Der Einzelhandel stehe weiterhin hinter dem Ziel, in Gießen eine zeitgemäße und funktionierende Verkehrssituation zu organisieren, in der die Verbesserung des Rad-, Fußgänger- und Nahverkehrs ihr Gewicht habe und gleichzeitig die Oberzentrumsfunktion Gießens für die Autofahrer gewährleistet bleibe. Ebert: »Insofern gehen wir - auch weil es Bürgermeister Wright immer wieder betont - davon aus, dass die Zeit bis zum Versuchsstart im kommenden Jahr intensiv genutzt wird, um die massiv spürbaren Defizite des letzten Samstags in den Griff zu bekommen.« Dabei müssten auch Lösungen für die prognostizierten Verkehrsverlagerungen in Nebenstraßen und Wohngebiete gefunden werden. Das Gutachten spreche nunmal von Mehrbelastungen in Ludwigstraße, Ringallee, Nahrungsberg, unterer Bahnhofstraße, Neustadt und Reichensand.

Ebert erneuerte die Forderung des Einzelhandels, dass Abbruchkriterien für den Versuch definiert werden. Zudem wird die Bereitschaft der Stadt hinterfragt, die »Notbremse« zu ziehen, sollte sich eine Situation wie am Samstag manifestieren. Zudem erwartet der Einzelhandel verstärkte gemeinsame Anstrengungen der Region, um das Nahverkehrsangebot zu verbessern.

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