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Anette Daugardt und Uwe Neumann beeindrucken mit ihrer Interpretation des Klassikers »Schuld und Sühne« das Publikum im Ulenspiegel.

Große Worte auf kleiner Bühne

  • VonSonja Schwaeppe
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Gibt es das »gerechte« Verbrechen, gibt es den »gerechten« Mord? Mit einem Bühnenstück des Jahrhundert-Romans »Schuld und Sühne« von Dostojewski brillieren Anette Daugardt und Uwe Neumann beim Krimifestival.

Anette Daugardt und Uwe Neumann zählen zu Recht zu den Publikumslieblingen beim Gießener Krimifestival. So war es kein Wunder, dass ihr Auftritt bei der jüngsten Ausgabe der erfolgreichen Literaturveranstaltung ausverkauft war. Die beiden Schauspieler, die in Berlin das KantTheater betreiben, feierten im Ulenspiegel mit ihrer Bühnenfassung von Dostojewkis Jahrhundert-Roman »Schuld und Sühne« sogar eine Premiere. Und sie machten es gut, das gleich vorweg.

In Dostojewskis Roman taucht der Leser ein in die Gefühls- und Gedankenwelt eines mittellosen jungen Mannes, der zum zweifachen Mörder wird - er erschlägt eine ältliche Pfandleiherin und kurze Zeit später deren Schwester. Vermeintlich rational das Verbrechen vor sich rechtfertigend, plagt und quält ihn dennoch sein Gewissen, das Körper und Seele in ständige Ausnahmezustände treibt. In dem Bühnenstück fokussieren sich Daugardt und Neumann zunächst auf den Täter und seine Tat - und im zweiten Teil dann auf das Verhör, das eigentlich ein Gespräch ist, zwischen Täter und einem Vertreter des staatlichen Apparates. Anette Daugardt leiht dem Täter ihre Stimme - sie schildert Tat und innere Bewegung aus der Ich-Perspektive. Das ist stark. Eng angelehnt an den Romantext - sie bedient sich nahezu exakt Dostojewskis Worten und Beschreibungen - nimmt sie das Publikum mit in die Wohnung des Opfers und lässt es hautnah die Anspannung und Angst des Täters fühlen - vor der Tat und vor dem Entdecktwerden.

Im zweiten Teil geht es dann um die großen Fragen und Konflikte, die Dostojewski in seinem Roman stellt. Stellvertretend bearbeitet in einem Gespräch zwischen dem nahezu überführten Täter und seinem Verfolger: Das Publikum wird Zeuge der Diskussion um die Theorie des Täters, die besagt, dass ungewöhnliche im Gegensatz zu den gewöhnlichen Menschen Verbrechen begehen dürfen, um etwas für sich und die Welt zu bewegen. Kann es einen »gerechten Mord« geben, der seine Rechtfertigung daraus zieht, dass eine Person zum Wohle von anderen geopfert wird?

»Ich habe ja nur eine Laus getötet - eine nutzlose, garstige, schädliche Laus, eine alte Wucherin, die niemandem etwas nütze war, für deren Ermordung einem eigentlich viele Sünden vergeben werden müssten, das soll ein Verbrechen sein?«, fragt der Täter den fassungslosen Untersuchungsrichter. Daugardt und Neumann zeigen im Zusammenspiel eine große Leistung - lassen Dostojewskis Worte wirken, die zeitlos und modern erscheinen: Krimi und Konflikt entstehen im Kopfkino. Die Premiere ist geglückt, das Publikum begeistert, ja beeindruckt, welche Kraft noch heute in Dostojewskis Worten steckt. Das Duo hat diese Worte eindrucksvoll zum Leben erweckt. Verdienter Applaus.

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