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"Hannover Calling" überzeugt und bietet maximale musikalische Abwechslung. FOTO: CORDES

Größter Jazz-Genuss

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Ein Modern-Jazz-Wiederhören mit ehemaligen Gießenern und lieben Gästen gab es im Konzertsaal des Rathauses. Beiträge von vier Komponisten sorgten bei "Hannover Calling" für maximale Abwechslung und größten Genuss.

Gießen mag nicht der Nabel der Welt sein, aber einige Jazzfäden laufen doch an der Lahn zusammen. Das wurde am Mittwoch bei einem Konzert der Jazzinitiative und des Kulturamts deutlich, das aufgrund des erwarteten Publikumsinteresses ausnahmsweise im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses stattfand.

"Hannover Calling" ist ein Sextett um den früheren Gießener Musikstudenten Herbert Hellhund, der bei Ekkehard Jost promovierte und 1986 als Jazztrompeter an die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover ging. Viele Weggefährten freuten sich über das Wiedersehen und -hören mit dem Jazzprofessor.

Auch Timo Warnecke (Drums) lebt in Hannover, und wenn Hellhund anruft - daher der Bandname -, kommen die Kollegen aus Berlin und Kassel zum Musizieren im Sextett: Pianist Bardo Henning war auch mal Musikstudent in Gießen und hat nebenbei einen kleinen Skandal auf dem Verdienstkonto stehen: 1998 brüskierte er bei der Einheitsfeier u.a. Edmund Stoiber mit einem kurzen Musikzitat aus der alten DDR-Hymne. Aus Berlin begleitet ihn Bassist Andreas Henze. Die beiden Kasselaner Detlef Landeck (Posaune) und Matthias Schubert (Saxofon) sind seit vielen Jahren regelmäßig in Gießen zu Gast.

Im gut besetzten Saal bieten die sechs Musiker zwei Stunden lang (bis auf den Bass) unverstärkten Modern Jazz auf höchstem Niveau und - allein schon durch mehrere Komponisten in der Band - mit verschiedenen Ausrichtungen. Hellhund, ganz professoral im schwarzen Anzug, beginnt zwar mit einem eigenen Stück, dem noch aus "Jost-Zeiten" stammenden "Blues de Blues", lässt aber seinen Kollegen viele Freiräume. Wunderbare Chorusse von zwei oder drei Bläsern begeistern ebenso wie ein locker swingender Teil mit munterem Klaviersolo.

Bardo Henning steuert mehrere Kompositionen bei, z.B. "Windstille und Wüstenwind" mit einem ostinaten Pianomotiv, das an Kamelkarawanen denken lässt, oder das tänzerische "Henningway" im Latin-Rhythmus. Von Matthias Schubert stammt die bluesige Ballade "Klapptisch", die in das an Marching Bands in New Orleans erinnernde "New and Old" übergeht.

Immer wieder begeistert Schubert mit seinem einzigartigen, auch mal schroff gutturalen Ton, der aber nie sein Gefühl für die tragende Melodie überdeckt. Seine Körpersprache - wie er seinen schmalen Körper um das Saxofon windet und fast mit ihm verschmilzt - wertet das Live-Erlebnis zusätzlich auf. An einer Stelle liefert er sich mit Posaunist Landeck eine kleine Einlage, als beide ihre Instrumente in ein Tamburin blasen. Landecks "Bodycheck" erweitert das Stilspektrum noch um eine funky Komponente - auch ohne E-Bass und E-Piano.

Hellhunds "Kyria" mit einem fast unbegleiteten Flügelhornsolo kommt angemessen getragen daher, aber die Zugabe, Hennings Abgesang auf seine Heimatstadt, "Schmach Fulda", fällt im 6/8-Rhythmus wieder eher unbeschwert aus.

Eine Heimkehr war es für Hellhund übrigens nicht, da er mit seinem Sextett auf der Durchreise zu weiteren Konzerten in Kassel und Fulda ist. Nach diesem Abend darf "Hannover Calling" aber auch gerne mal wieder in seiner ehemaligen Heimatstadt an der Lahn anklingeln.

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