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Stoppschild fürs Gießen-Wachstum: Bis 2030 stößt die Universitätsstadt an Grenzen. FOTO: SCHEPP

Stadtentwicklung

Die Grenzen des Wachstums in Gießen

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Gießen hat ein Jahrzehnt hinter sich, in dem die Stadt in vielen Bereichen gewachsen ist wie nie zuvor. Aber selbst im besten Fall wird das nicht so weitergehen.

Gießen ist 15 Kilometer breit und zwölf Kilometer hoch, die Gesamtfläche der Stadt zwischen Lützellinden und Wieseck, zwischen dem Oberen Hardthof und Rödgen umfasst gut 72 Quadratkilometer. Innerhalb der knapp 60 Kilometer langen Stadtgrenze leben - nach aktuellem Stand - rund 88 500 Menschen, die Bevölkerungsdichte bewegt sich momentan bei etwa 1220 Personen pro Quadratkilometer. Tagsüber sind es natürlich viel mehr, weil die ganzen Berufspendler dazukommen. Die Tagbevölkerung dürfte mit geschätzt zwischen 120 000 und 140 000 Menschen längst Großstadtniveau erreicht haben. Wer sich die Frage stellt, wo Gießen am Ende dieses Jahrzehnts stehen wird, kommt an den geographischen Eckdaten der Universitätsstadt nicht vorbei. Denn ohne Eingemeindungen wird Gießen bis 2030 - Wirtschaftswachstum und Attraktivität hin oder her - an seine Grenzen stoßen.

Das ist auch die klare Aussage des Bevölkerungsatlas, den der Landkreis Gießen vor knapp einem Jahr veröffentlicht hatte. Danach wird sich das Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts mangels Bauflächen verlangsamen und die Zahl der Einwohner mit Erstwohnsitz deutlich unter der magischen Grenze von 100 000 Einwohnern bleiben.

Diese Einschränkung betrifft nicht nur das Thema Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft, denn die Flächen, um Gewerbe anzusiedeln, werden ebenfalls knapp. Hinzu kommen die zunehmend wichtiger werdenden Faktoren Umwelt- und Klimaschutz, die die klassische kommunale Ansiedlungspolitik erschweren. Exemplarisch steht der mindestens mittelfristig geltende Verzicht auf Ausweisung neuer Gewerbeflächen auf den fruchtbaren Böden bei Lützellinden. Zur Entwicklung der nächsten zehn Jahre einige Aspekte in Zahlen.

Bevölkerung: Würde Gießen so wachsen wie in den letzten Jahren, würde die Einwohnerzahl 2030 bei 105 000 liegen. Ein derart starkes Wachstum von bis zu 25 Prozent konnten Kreis und Stadt bei der Aufstellung des Demografie-Atlas "nicht plausibilisieren". Die Verfasser der Studie kommen zu einer Einwohnerprognose von 94 500 und ein Wachstum von knapp zehn Prozent zwischen 2016 und 2030

Wohnen: Der Bevölkerungsatlas geht davon aus, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren noch rund 2200 zusätzliche Wohnungen errichtet werden, u.a. auf dem früheren Motorpool-Gelände an der Grünberger Straße und dem Wohnbereich des Gewerbegebiets "Alter Flughafen". Bei einer durchschnittlichen Wohnungsbelegung von 1,84 Personen und unter Einbeziehung von kleineren Bauflächen mit "Nachverdichtungspotenzial" kommt die Studie zum Ergebnis, dass die Einwohnerzahl bis 2021 noch mal um 5000 gestiegen sein wird, in den neun Jahren danach bis 2030 dann aber nur noch um 3000.

Gewerbe: Da sich die Stadt weiter auf Flächenrecycling konzentriert, werden in den nächsten Jahren das Brauhaus-Areal an der Marburger Straße und das Gail-Gelände in den Fokus rücken, wobei die Neuordnung der Industrieruine im Schiffenberger Tal als kompliziert gilt. Einfacher wird die Erschließung des Katzenfelds in der Weststadt, weil die Stadt dort die Fäden in der Hand hält. Bis zur Mitte des Jahrzehnts dürfte es zu einer Besiedlung kommen, bei der Landschaft verbraucht wird. Zusammen mit den Flächen im Technologiepark Leihgesterner Weg stehen noch knapp 60 Hektar Gewerbeflächen zur Verfügung.

Infrastruktur: Im Stützpunkt der Feuerwehr im früheren US-Depot und dem vierspurigen Ersatzneubau der Konrad-Adenauer-Brücke werden in den nächsten Jahren Großprojekte fertig. Ob die Kongresshalle bis zur Mitte des Jahrzehnts in neuem Glanz erstrahlt, bleibt nach dem jüngsten Beschluss des Stadtparlaments fraglich. Zwei große Projekte mit Fragezeichen sind der Bau einer Multifunktionshalle (Hessenhallen) und eines Fernbusbahnhofs (Lahnstraße). Der neue Verkehrsentwicklungsplan soll ab 2023 beantworten, wie die vielfach propagierte Verkehrswende aussehen soll.

Hochschulen: Gießen steht und fällt mit seinen Hochschulen. Insofern ist es beruhigend, dass die Studierendenzahlen nach rasantem Wachstum in den nächsten zehn Jahren stabil bleiben sollen. Die Kultusministerkonferenz erwartet bis 2022 einen Rückgang, danach wieder einen Anstieg. Gegenwärtig studieren in Gießen rund 38 000 Menschen. Die größte und weit ins Jahrzehnt reichende Baumaßnahme ist der weitere Um- und Ausbau der JLU-Geisteswissenschaften am Fuß des Schiffenbergs.

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