Aliénor Dauchez neben der Holzkiste, in die sie während der Performance steigt und mittels Schraubzwingen von außen bewegungsunfähig gemacht wird. FOTO: DKL

Grenzen überschreiten

Gießen(dkl). Die Französin Aliénor Dauchez lebt seit Jahren in Berlin, ist vielen eher als Regisseurin für Musiktheater bekannt denn als bildende Künstlerin. Kein Wunder, dass der Vorsitzende des Neuen Kunstvereins (NKV) Gießen, Melchior B. Tacet, sie für eine Ausstellung gewinnen konnte. Er kommt aus dem Theater- und Performance-Bereich, hat als Assistent für Dauchez gearbeitet. Und Dauchez wiede-rum hat als Assistentin bei Heiner Goebbels und der Heckroth-Preisträgerin Anna Viebrock gearbeitet.

Geboren wurde Dauchez 1984 in Annecy. Sie studierte zunächst Ingenieurwissenschaften in Paris, bevor sie in Berlin landete und zur Kunst wechselte. Sie war Stipendiatin in Stuttgart und zählt seit 2018 zum Program for Artists in Berlin. Sie gründete die Theatergruppe La Cage, mit der sie nach wie vor arbeitet und Kooperationen mit anderen Compagnien hat. Ihre erste Solo-Ausstellung hatte sie 2018 in Hildesheim.

Dauchez überschreitet Grenzen in verschiedener Hinsicht. Eine Basis ihres Arbeitens ist das Zeichnen. Schon als Jugendliche hatte sie ihren ersten Auftrag und eine Ausstellung. In der aktuellen Schau beim NKV zeigt sie diesen zeichnerischen Aspekt erstmals öffentlich, Zeichnungen aus dem Alltag, vom eigenen Körper oder mit Kind. "Ich bin gerade Mutter geworden, zum zweiten Mal, da wollte ich nichts Hektisches", erklärt sie dazu. Ihr sieben Wochen altes Neugeborenes ist beim Pressegespräch friedlich schlafend dabei.

Das Muttersein kommt auch in dem Gedicht zum Tragen, das sie dem Ausstellungstext beigegeben hat. Eine Neuvertextung des bekannten Chansons "La mer" von Charles Trenet (1943/45), das von vielen Sängern und Sängerinnen gesungen wurde und längst zum Ohrwurm geworden ist. Dass La Mer, das Meer, sich lautmalerisch nicht von La Mère, die Mutter, unterscheidet, macht Dauchez sich zunutze. Das Meer ist immer in Bewegung und umspült alles mit seinen Wellen, die Mutter ist immer präsent, mal nervt, mal tröstet sie mit ihrer Sorge und Aufmerksamkeit.

Aus der Wandnische ertönt eine weibliche Stimme mit französischen Worten. Das sei ihre Mutter, die auf einen Anrufbeantworter spricht, und zwar seit Jahren mit dem immergleichen Wortlaut beginnend. Und auf dem kleinen Podest steht ein seltsames Porzellanobjekt, dass sich als Nachbildung einer Milchpumpe für Mütter entpuppt. Eine Tätigkeit, die sie als Künstlerin und Mutter, die ständig unterwegs ist, regelmäßig ausüben muss. "Auf diese Weise kann ich beide Aspekte meines Lebens verbinden." Sie ist glücklich darüber und weist gleich darauf hin, dass es in der Kunstszene immer noch ein Wagnis ist, das eigene Muttersein zu thematisieren. "Es führt schnell dazu, dass man nicht ernst genommen wird."

Bis 3. Oktober zu sehen

Zur Vernissage am Samstag brachte sie eine Performance mit, die sie als Abschlussarbeit ihres Kunststudiums in Berlin kreierte. Eine Holzbox, zusammengehalten von Schraubzwingen. "Die ist gerade so groß, dass mein Körper reinpasst", erklärt sie. Sie braucht also Helfer, denen sie vertraut, die sie einpressen in die Box, sie auch wieder herausholen. "Ich erlebe das als befreiend, ich bin nur noch Materie, muss keine Entscheidung treffen, muss nicht agieren." Andere Menschen würden erst gar nicht auf so eine Idee kommen oder mit Platzangst reagieren. Es zeigt wieder einmal, wie sehr unser Leben von eigenen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Ansichten geprägt ist. Es gibt keine Wahrheit, die für alle gilt.

Die Ausstellung ist bis 3. Oktober zu sehen, wie üblich am Wochenende, aber auch auf Anfrage 01 78 66 04 302.

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