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Den Cranioplast, den Prof. Wolfgang Künzel in der Hand hält, muss der heutige Leiter der Frauenklinik, Prof. Ivo Meinhold-Heerlein, zum Glück nicht mehr verwenden. FOTO: SCHEPP

Grausiges Zeugnis der Entbindungsgeschichte

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Gießen(chh). Viele Sammlungen der Justus-Liebig-Universität lagern hinter verschlossenen Türen. Es gibt aber auch einige, die für jeden zugänglich sind. Dazugehören die Vitrinen in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Uniklinikums. Besonders werdenden Eltern dürfte beim Anblick der Objekte jedoch ein Schauer über den Rücken laufen. Die Vitrinen enthalten neben Schriften, Lithografien und Auszeichnungen auch jede Menge martialisch anmutendes Werkzeug, mit denen einst Kinder aus den Müttern geholt worden sind.

Wenn man so will, ist Prof. Wolfgang Künzel der Vater dieser Sammlung. Der ehemalige Direktor der Frauenklinik hat die Stücke jahrelang zusammentragen. Nicht, weil er sich gerne an die gruseligen Zeiten erinnert, als noch fünf Prozent der Kinder bei der Geburt starben. "Ich will vielmehr hervorheben, welche großen Fortschritte die Geburtshilfe gemacht hat."

Das zeigt sich zum Beispiel an dem Schrank mit den Geburtszangen. Das metallische Instrument zum Fassen und Herausziehen der Kinder wird heute nur noch sehr selten eingesetzt, weil sowohl Frau als auch Kind Verletzungen davontragen können. "Heute setzt man bei solchen Komplikationen Vakuumextraktionen ein oder man macht einen Kaiserschnitt", sagt Künzel. Eine gute Entwicklung, wie der Professor betont: "Die Geburtszange gehört ins Museum."

Auch das Feldbesteck, mit dem die Mediziner früher Kinder bei Hausgeburten auf die Welt brachten, gehört der Vergangenheit an. Das trifft zum Glück auch auf den Cranioclast zu, der noch vor rund 70 Jahren zum Einsatz kam. Die folgende Erklärung von Künzel ist nichts für schwache Nerven: "Wenn das Kind tot war, hat man den Kopf perforiert und das Kind mit solch einem Instrument herausgeholt. Das war furchtbar, das kann man sich gar nicht vorstellen."

Das klingt, als sei die Sammlung ein reines Gruselkabinett. Dabei haben die Vitrinen noch einiges mehr zu bieten. Zum Beispiel Repliken jahrtausendealter Frauenfiguren, die entstanden, als die Schwangerschaft noch ein großes Mysterium war. Filigran gefertigte Trinkschalen und Milchpumpen oder Hörrohre aus Ebenholz, mit denen einst der Nachweis des kindlichen Lebens im Uterus nachgewiesen wurde, sind ebenfalls ausgestellt.

Und trotzdem werden die Geräte wie der Cranioclast bei werdenden Eltern die meisten Reaktionen auslösen. Vor allem: Gott sei Dank kommt unser Kind im 21. Jahrhundert auf die Welt.

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