Dem Grauen ein Gesicht geben

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In den Jahren 1941/42 wurden allein aus 250 hessischen Dörfern und Städten rund 15 500 jüdische Menschen in Vernichtungslager gebracht. Eines davon war das Lager Malyi Trostenez nahe Minsk, das während der deutschen Besatzung der größte nationalsozialistische Massenvernichtungsort in Belarus war – aber bis heute in Deutschland quasi unbekannt war. Dies ändern will die Wanderausstellung "Vernichtungsort Malyj Trostenez", die zeigt, was dort geschehen ist. Als erste Station in Hessen ist sie bis 17. Januar in der Kongresshalle, im früheren Kunsthallenraum, zu sehen – ergänzt durch zwei Stelen mit lokalen Fallbeispielen. Offizielle Eröffnung ist am Dienstag, 11. Dezember, um 18 Uhr.

In den Jahren 1941/42 wurden allein aus 250 hessischen Dörfern und Städten rund 15 500 jüdische Menschen in Vernichtungslager gebracht. Eines davon war das Lager Malyi Trostenez nahe Minsk, das während der deutschen Besatzung der größte nationalsozialistische Massenvernichtungsort in Belarus war – aber bis heute in Deutschland quasi unbekannt war. Dies ändern will die Wanderausstellung "Vernichtungsort Malyj Trostenez", die zeigt, was dort geschehen ist. Als erste Station in Hessen ist sie bis 17. Januar in der Kongresshalle, im früheren Kunsthallenraum, zu sehen – ergänzt durch zwei Stelen mit lokalen Fallbeispielen. Offizielle Eröffnung ist am Dienstag, 11. Dezember, um 18 Uhr.

Als im November 1941 ein Deportationszug von Frankfurt aus mit mehr als 1000 Juden nach Minsk aufbrach, waren auch 23 Menschen darunter, die in und um Gießen geboren worden waren. Wenn man Deportationszüge aus anderen Städten dazurechnet, lassen sich, wie Student Dennis Müller berichtet, Namen von 48 Opfern identifizieren, die entweder in Gießen geboren wurden oder hier gelebt haben. Thomas Bohn, Professor für Osteuropäische Geschichte am Historischen Institut der JLU hat hier mit seinen Studenten geforscht und die Ausstellung nach Gießen geholt. Mit Monika Graulich vom Verein "Gegen Vergessen" und der Initiative Stolpersteine, Dr. Michael Breitbach vom Oberhessischen Geschichtsverein, Charlotte Kitzinger von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Pfarrer Christoph Geist von der Weißrusslandhilfe und Volkshochschulleiterin Waltraud Burger gaben sie gestern einen ersten Einblick in die Ausstellung.

Sie alle gaben zu, bis zur Einweihung der Gedenkstätte Malyj Trostenez 2015 nichts von dem Vernichtungslager auf sowjetischem Boden gewusst zu haben. Es war lange ein "vergessener Ort" und gilt dabei doch als das "belarussische Auschwitz". Geschätzt 60 000 Menschen wurden hier getötet.

Seit November 2016 ist die vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas konzipierte Ausstellung unterwegs. Sie dokumentiert in deutscher und russischer Sprache den Vernichtungskrieg im Osten, das Getto Minsk und die Besatzungszeit, stellt exemplarisch Einzelschicksale von Gefangenen des Vernichtungslagers vor und dokumentiert die juristische Aufarbeitung und Erinnerungskultur.

Aus lokaler Perspektive besonders interessant sind zwei Stelen, die eine Heldin und eine Antiheldin von Malyi Trostenez mit Gießen-Bezug vorstellen. So erfährt man von Ilse Stein (deren Biografie auch Thema einer Lesung und einer Filmvorführung ist). Sie und ihre jüdische Familie wurden 1939 aus ihrem Heimatdorf Geiß-Nidda nach Frankfurt vertrieben und im November 1941 in das Getto in Minsk deportiert. Dort rettete Wehrmachtssoldat Willi Schulz, der auch nach Malyj Trostenez abkommandiert war, die siebzehnjährige Ilse und andere.

Als Antiheldin wird Hilde Kerer präsentiert. Die Südtirolerin war eines der "Blitzmädel", die ab 1941 in der Gießener Nachrichtenhelferinnenschule (an der heutigen Automeile) ausgebildet und später nach Minsk abgeordnet wurden. Zitiert wird aus ihrem Tagebuch, in dem sie behauptet, bei einem Ausflug nach Malyj Trostenez dort keine Juden gesehen zu haben. Aufgelistet sind auch die Namen von nach Minsk Deportierten, die in Gießen geboren wurden oder hier gelebt hatten wie Siegmund Neustätter, Jacob Stern, Isaak Levi, Friedel Wallenstein oder die Familie von Kurt Stiefel aus Lich und Rüddingshausen. Details aber fehlen.

Die Ausstellung richtet sich auch an Schulen. Lehrer, die mit Klassen eine Führung buchen wollen, wenden sich an die Volkshochschule (waltraud.burger@giessen.de). Geöffnet ist jeweils Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr und an den Wochenenden von 10 bis 17 Uhr. Geschlossen ist am 8./9. Dezember sowie an den Feiertagen 24. bis 26. Dezember und 1. Januar. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erhältlich.

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