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Daniel Thiele am Palmenkohl. Die Pflanzen bleiben nach der Ernte stehen und dienen Insekten als Winterquartier. FOTO: CHH

Graswurzelbewegung

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Der Stadtacker in der Wieseckaue geht in das dritte Jahr. Auf knapp 700 Quadratmetern bauen Hobbygärtner hier Gemüse an. Ihnen geht es nicht nur um die Ernte, sondern auch um Nachhaltigkeit. Die Idealisten wollen einen Gegenpol setzen zu Monsanto und Co.

Daniel Thiele stapft durch den Matsch. Gerade eben hat es noch geregnet, dazu bläst ein eisiger Wind. Keine idealen Bedingungen, um die Lust auf Gartenarbeit zu wecken. Und die drei Ackerstreifen sehen auch ein wenig trostlos aus - zumindest für den ungeschulten Blick. Denn Thiele selbst erfreut sich an den verwelkten Pflanzen. "Wir lassen sie aus Überzeugung stehen. Insekten können sich in die Stängel bohren und so überwintern." Selbst dem Regen kann der Hobbygärtner und studierte Agrarwissenschaftler etwas abgewinnen. Denn die Wassermassen helfen womöglich dabei, Wühlmäuse von den Äckern zu vertreiben. Denn ein Gift käme Thiele niemals in die Erde.

Biologische Samen statt Hybride

Der Stadtacker ist ein Pflanzenbauprojekt im Gießener Stadtpark. Auf etwa 660 Quadratmetern Anbaufläche sät, pflegt und erntet eine Gruppe Freiwilliger Nutz- und Zierpflanzen. Thiele hat das Projekt Ende 2017 initiiert. 2018 dann die Premiere. Die Hobbygärtner zogen 55 Kulturen heran. "Wir haben natürlich nur biologisches Saatgut verwendet und keine Hybride", sagt Thiel. "Dadurch konnten wir die Samen im nächsten Jahr wiederverwenden."

Hybride sind Mischlinge, die aus einer Kreuzung zwischen reinerbigen Elternlinien einer Gemüseart hervorgegangen sind. Der Vorteil: Sie sind ertragreicher. Der Nachteil: Ihre positiven Eigenschaften sind im Nachbau nicht reproduzierbar. Hybride können also nicht wiederverwendet werden, die Bauern müssen daher im Folgejahr erneut Saatgut kaufen. Vor allem der seit 2018 zum Bayer-Konzern gehörende Chemie-Riese Monsanto ist für dieses hochgezüchtete Saatgut bekannt - und verrufen. "Dadurch, dass die Landwirte immer neues Saatgut kaufen müssen, entsteht eine Abhängigkeit", kritisiert Thiele. "Gerade in Entwicklungsländern werden dadurch ganze Völker versklavt."

Um die Vielfalt von biologischem Saatgut zu erhöhen, veranstalten Thiele und seine Mitstreiter heute eine Saatguttauschbörse (siehe Kasten).

Thiele öffnet das kleine Tor zum Acker. Er geht an den Überresten von Sonnenblumen vorbei, passiert den Palmenkohl und lässt seinen Blick über die verdorrten Maisstauden schweifen. Über 50 verschiedene Pflanzensorten haben die Hobbygärtner hier vergangenes Jahr angebaut. Monokulturen seien nunmal schlecht für den Boden, sagt Thiele und erzählt, dass die Gruppe verschiedene Systeme kombiniert habe. An dem grünen Mais zum Beispiel haben wir eine Bohne hochwachsen lassen. Dadurch profitiert der Mais, weil die Bohne Stickstoff abgibt." Als Bodendecker seien Zucchini und Kürbisse gesät worden. Es gebe noch weitere Wechselwirkungen auf dem Feld, sagt der Stadtacker-Initiator. "Karotte und Zwiebel beispielsweise halten sich gegenseitig Schädlinge vom Hals."

Gleichzeitig würden die Mitstreiter auf die Fruchtfolge achten und daher an einer Stelle nicht immer die gleiche Pflanze anbauen. "Nehmen Sie zum Beispiel die Kartoffel. Durch den Anbau gelangen Pilze in den Boden, die mitunter Jahrzehnte überdauern können. Der Schadorganismus kann dann im nächsten Jahr richtig zuschlagen." In der konventionellen Landwirtschaft werde dieses Problem durch Pflanzenschutzmittel beseitigt. Für Thiele und seine Mitstreiter ist das aber keine Option. Nicht nur wegen des nahen Grundwassers in der Wieseckaue, sondern vor allem aus Prinzip.

Fruchtfolge statt chemische Mittel

Im Gießener Stadtacker steckt also viel Ideologie. Aber auch viel Herzblut und Leidenschaft. "Wir wollen zeigen, dass es mehr gibt als das konventionelle Gemüse aus dem Supermarkt. Außerdem finde ich es einfach wichtig, zu wissen, wie man Nahrungsmittel selbst anbauen kann." Vor allem aber gehe es bei dem Projekt um den Spaß. Darum, die Hände in die Erde zu stecken und aus einem Samen einen Salat, eine Gurke oder einen Mais großzuziehen. "Sobald das Wetter besser wird, werden wir wieder loslegen", kündigt Thiele an und betont, sich über jeden Besucher zu freuen. Alle seien willkommen - bis auf die Wühlmäuse.

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