Grafische Strukturen und Farbe

  • vonDagmar Klein
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Hannah Schacht zeigt ihre Masterarbeit im Atelier der Alten Unibibliothek. Zu besichtigen sind ihre Werke dort aber nur an diesem Wochenende und am kommenden Dienstag.

Wenn Hannah Schacht durch eine Stadt geht, dann sieht sie vor allem grafische Strukturen. Das sind die waagerechten Linien von Stromleitungen, die senkrechten Formen von Hochhäusern, besonders augenfällig ist das sie faszinierende Prinzip bei Strommasten und Hallendecken aus Metall. Sie fotografiert vieles, aber immer nur ausschnittweise, und nutzt das als Inspirationsquelle.

Zu besichtigen sind ihre mittel- bis großformatigen Arbeiten an diesem Wochenende im Studierenden-Atelier in der Alten Unibibliothek an der Bismarckstraße, das dem Institut für Kunstpädagogik seit wenigen Jahren zur Verfügung steht. Die Kolleginnen im Master-Studiengang haben mittlerweile ihre Abschlüsse gemacht, der Raum ist daher leer geräumt. Nur der Fußboden zeigt mit seinen Farbklecksen die Spuren von Mal- aktivitäten.

Hannah Schacht wurde 1991 in Kassel geboren. Sie kam zum Bachelor-Studium 2011 nach Gießen, studierte neben Kunstpädagogik noch Germanistik und Erziehungswissenschaften. 2015 legte sie eine Uni-Pause ein, arbeitete als Blindenassistentin an einer Grundschule. Vor zwei Jahren kam sie nach Gießen zurück, um ihren Master in Kunst zu machen, parallel mit den Fächern Didaktik und Kunstwissenschaft. Sie habe schon immer gemalt, erzählt sie, aber nur für sich. Ihre eigentlichen Freizeitveranstaltungen waren Sport und Musik. So etwas wie eine Kunstschule oder spezielle Kunstförderung gab es nicht.

An der Uni besuchte sie die Druckgrafik-Seminare bei Gastprofessor Philipp Hennevogl und erlernte dort den klassischen Linolschnitt in Schwarz-Weiß. Dann kam Jette Flügge und brachte das Arbeiten mit Schablonen und Stempeln, das Nutzen von Mehrfarbigkeit mit. Parallel hat sie immer gemalt, in Seminaren bei Prof. Johanna Staniczek, realistische Landschaften zumeist. Bei den Landschaften kam sie irgendwann nicht weiter, was Lichtwirkung und Darstellung des Himmels anging. Und der Linolschnitt wurde ihr vom Format zu klein.

Nicht eindeutig zuzuordnen

Also begann sie mit dem Siebdruck. Anfangs übte sie die klassischen Ganzplattenverfahren, aber allmählich experimentierte sie mit Teildrucken, dem stellenweise Aufbringen von Farbe mit kleinen Rakeln und dem Mehrfach-Drucken. Diese Technik wiederum kombinierte sie mit Malerei, sodass vor den Werken oft nicht unterscheidbar ist, was gedruckt und was gemalt ist. Es entstehen faszinierende Tiefenräume im Bild, die grafischen Strukturen von Türmen sind oft erkennbar, mal ist es auch die gebogene Aufhängung einer Brücke oder der Blick an die Decke einer Bahnhofshalle. Aber nichts ist eindeutig einem Ort zuzuordnen, immer bietet die Form den Anlass für Farbkompositionen. Die anfangs eher gedeckte Farbigkeit hat sich zu Klarfarben gesteigert, die durch kleine Rotimpulse noch an Intensität gewinnen. Die jüngsten Arbeiten zeigen einen Anflug von freiem Gestalten, der mit Ton-in-Ton-Variante in Graugrün beeindruckt.

Hannah Schacht war im studentischen Organisationsteam sehen|denken, das Ausstellungen im Institut für Philosophie organisiert. In der aktuellen Ausstellung komm|pass ist sie auch dort mit einigen Arbeiten beteiligt. Wer also ihre Master-Präsention in der Alten UB (1.OG, rechts) verpasst, kann ihre Arbeit dort noch kennenlernen. Die Vernissage war am gestrigen Freitagabend, geöffnet ist noch Samstag, Sonntag und Dienstag von 15 bis 19 Uhr. Die Künstlerin ist anwesend und kann befragt werden.

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