Gottesdienst und Fußballstadion

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Gießen (csk). Die Religion versteckt sich. Und zwar fast überall, manchmal sogar im Fußballstadion. Von einer "Dispersion" des Religiösen sprach am Samstag Prof. Peter Zimmerling bei den Feiern zum 125-jährigen Bestehen der Johanneskirche. Diese Zerstreuung nannte der Theologe in seinem Vortrag zur "Zukunft der Kirche" als einen wesentlichen Grund für die "Entkirchlichung und damit Entchristlichung Deutschlands", die er als eine der größten Herausforderungen nicht nur für die evangelische Kirche beschrieb. Ein Patentrezept, um den Bedeutungsverlust zu stoppen, hatte der Domherr zu Meißen zwar nicht mit nach Gießen gebracht. Dafür aber viele Denkanstöße.

Gießen (csk). Die Religion versteckt sich. Und zwar fast überall, manchmal sogar im Fußballstadion. Von einer "Dispersion" des Religiösen sprach am Samstag Prof. Peter Zimmerling bei den Feiern zum 125-jährigen Bestehen der Johanneskirche. Diese Zerstreuung nannte der Theologe in seinem Vortrag zur "Zukunft der Kirche" als einen wesentlichen Grund für die "Entkirchlichung und damit Entchristlichung Deutschlands", die er als eine der größten Herausforderungen nicht nur für die evangelische Kirche beschrieb. Ein Patentrezept, um den Bedeutungsverlust zu stoppen, hatte der Domherr zu Meißen zwar nicht mit nach Gießen gebracht. Dafür aber viele Denkanstöße.

Grundsätzlich erklärte er, dass viele Menschen heute kaum weniger religiös seien als früher. Eher ändere sich die Art, transzendentale Erfahrungen zu machen. In Zeiten eines "postmodernen Pluralismus", der keine Wahrheiten mehr anerkenne, hätten "die christlichen Kirchen ihr religiöses Monopol verloren". An ihre Stelle trete oftmals "ein persönlicher Glaube". Dieser könne religiöse oder quasi-religiöse Erfüllung ebenso in Esoterik oder Spiritualität finden wie in Hobbys mit "bisweilen sakralem Charakter", etwa dem Besuch im Fußballstadion.

Ausgehend von solchen sozialen und individuellen Trends fragte Zimmerling, welchen Anteil die Kirche selbst an ihrer schwindenden Bedeutung hat. Eine "institutionelle Schwäche" führte er auf den Neuprotestantismus des 19. Jahrhunderts zurück: Spätestens seit dieser Zeit neigten die Protestanten dazu, "die Bedeutung der Kirche für den Glauben herabzusetzen". In der Folge hätten sie "Probleme mit einer profilierten Spiritualität" sowie "eine regelrechte Phobie vor geprägten Formen" entwickelt. Zur institutionellen komme also noch eine Art rituelle Schwäche – und das Resultat sei die "Selbstsäkularisierung der Kirche". Dabei ließen sich ihre Botschaften lebensnah vermitteln, betonte Zimmerling. Als Wahl-Leipziger wisse er beispielsweise, wie sehr die Matthäus- und die Lukas-Passion Bachs manche Zuhörer berührten. Und auch während der friedlichen Revolution von 1989 habe es in Leipzig und anderswo in Ostdeutschland Leute gegeben, "die sich trauten, mit dem Bibelwort in den Alltag der Menschen hinauszugehen". Vorbilder wie diese zeigten der Kirche bis heute, wohin die Reise führen müsse: mit einem "reflektierten, gelebten Glauben" in die "Lebenswirklichkeit der Menschen".

Profiliere sich die Kirche zudem als "Institution, die für die Freiheit eintritt" sowie als Ort, an dem "Charismen und Begabungen der Gemeindemitglieder geweckt" würden, könne sie wieder an Relevanz gewinnen. Wie nebenbei fördere sie damit ein friedliches Miteinander zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens. Denn: "Nicht die Abschwächung von Identitäten ermöglicht Toleranz, sondern ihre Stärkung."

Zum Schluss plädierte der Theologe für "Mission und Evangelisation als unverzichtbare Lebensäußerung der Kirche" und zitierte aus Deutschlands größtem Boulevardblatt: "Feiert! Schenkt! Tut Gutes!", hieß es dort am Samstag auf der Titelseite. Denn der Advent sei eine "Zeit des Glaubens und der Hoffnung auf Jesus", schreibt der Autor. "Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich lese die Bild-Zeitung eigentlich nicht", so Zimmerling. "Aber an dieser Verkündigung wird man die Predigten am Sonntag wohl messen müssen."

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