Mit Gott auf der Brücke

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Auf dem Weg ins Büro bleibe ich auf der Brücke stehen, wende der Straße den Rücken und schaue auf das plätschernde Wasser der Wieseck hinunter. Kurze Auszeit. Plötzlich spüre ich, dass jemand neben mir steht und schaue zur Seite. Es ist Gott. "Na endlich!" rutscht es mir heraus. "Was soll das denn heißen", lächelt Gott. "Naja, wir sind gerade ziemlich am Limit. Arbeit wird für viele knapp, Geld auch. Andere arbeiten sich in Kliniken und Heimen halbtot. Viele dürfen ihre Lieben nicht mehr treffen, noch nicht mal im Krankenhaus besuchen! Und die Studis haben keine Jobs mehr. Die meisten achten ja darauf, sich und andere nicht anzustecken, andere verbreiten die seltsamsten Theorien, echt anstrengend."

"Ha!" lacht Gott da kurz auf und nickt. Ich beharre: "Unser Leben ist auf den Kopf gestellt, das ist echt schwierig gerade!" "Ja, für viele auf der Welt ist es schwierig." Gottes Augen sehen in die Ferne. Dann wendet er sich wieder zu mir: "Ihr habt es doch ganz gut hier! Und ich finde, ihr haltet euch wacker: Ihr helft euch mehr als früher, achtet aufeinander und seid aufmerksamer geworden. Der Perspektivwechsel ist doch ganz gut gelungen: nicht nur zu schauen, was einem selbst guttut, sondern die anderen mit in den Blick zu nehmen. Und sogar das mit dem Klopapier habt ihr schließlich hingekriegt."

Mir ist nicht nach Scherzen zumute: "Stimmt schon, aber es gehen wirklich viele auf dem Zahnfleisch, sind nervlich am Ende. Und da wünschen sich schon etliche, dass du endlich kommst." "Aber ich bin doch da", wundert sich Gott und hebt eine Augenbraue. "Ich seufze mit den Kummervollen, ich tröste die Ängstlichen, ich sitze im Krankenhaus am Bett der Kranken. Ich stelle mich sogar dazu, wenn du runter ins Wasser schaust! Und ich schaue ermutigend zurück, wenn jemand bittend in den Himmel blickt. Ich bin da!"

Pfarrerin Martina Schmidt, Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar

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