Gospel-Chor swingt zum Geburtstag

Poppiger Gospel statt Bach und Buxtehude: Zum 125. Geburtstag bringt der Gießener Gospelchor die Besucher der Johanneskirche in Wallung. Da kommt der Wunsch nach Mehr nicht überraschend.

Von SAK

Die Kirche plagt ein Nachwuchsproblem. Nicht nur Geistliche gehen verloren, auch die Mitglieder laufen davon. Viele junge Menschen schließen sich freien Gemeinden an, die sich – so das Versprechen – anders mit Religion auseinandersetzen und eine Alternative zur etablierten Institution Kirche sein wollen. Nun feiert die Johanneskirche in Gießen mit einem Konzert ihr 125-jähriges Jubiläum. Die Frage drängt sich auf: Wer geht da hin? Menschen unterschiedlichen Alters, wie sich zeigt.

Rentner und Studenten

"Wenn doch am Sonntag die Kirche auch so voll wäre", seufzt ein älterer Herr in der ersten Reihe vor Konzertbeginn. Dreiviertel der Plätze sind an diesem Abend besetzt, mit Studenten wie Rentnern. Die Jüngeren geben aber deutlich den Ton an. Dies liegt vor allem am musikalischen Programm: Statt andächtigem Chorgesang entscheidet sich Pfarrer Michael Paul für ein poppiges Gospelkonzert. Paul beansprucht nur wenig Zeit für sich. Ein paar Grußworte lässt er los, wie auch die Bitte ans Publikum, sich in der Pause mit der Frage zu beschäftigen – "Was erhoffe ich mir von der Kirche?" – und die Gedanken auf einer Pinnwand niederzuschreiben, die neben der Bühne steht. Danach beginnt auch schon der Gießener Gospelchor: 25 gefühlvolle Stimmen, die meisten davon nicht musikalisch geschult, sondern durch Freude am Singen gereift. Die Leitung übernimmt die 24-jährige Merle Rupprecht am Klavier.

In knapp zwei Stunden singen sie hingebungsvoll 13 Lieder, darunter Klassiker, die auch Soul-Liebhaber wiedererkennen, etwa das von Bill Withers berühmt gewordene "Lean on me". Die Musiker wollen aber nicht einfach nur Lieder vortragen. Sie üben mit dem Publikum einzelne Songs ein. Und – ein Wunder geschieht – die ansonsten etwas steifen deutschen Kirchengänger reißt es in diesen Momenten sogar von ihren Sitzen. "Im Stehen lässt es sich ohnehin besser singen", wirft Chorleiterin Rupprecht animierend ein. Der kurzweilige Abend endet mit einer Zugabe.

Ein letzter Blick auf die Pinnwand zeigt zudem: Viele Gäste wünschen sich für die Zukunft "mehr Gospel". (Foto: sak)

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