Kein klassischer Gesang ohne Leidenschaft: Tess Wiley und Dietrich Faber schmettern ihre "Ode an die Köttbullar". FOTO: CSK
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Kein klassischer Gesang ohne Leidenschaft: Tess Wiley und Dietrich Faber schmettern ihre "Ode an die Köttbullar". FOTO: CSK

Gnadenlos grandios

  • vonChristian Schneebeck
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Die erste "Corona-Kultur-Show" im Forum der Volksbank Mittelhessen begeistert das Publikum. Kein Wunder, denn Moderator und Gastgeber Dietrich Faber und seine Gäste präsentieren sich in bestechender Form und Spiellaune.

Man hat ja lange genug zu Hause gehockt. Findet jedenfalls Dietrich Faber. "Wir ziehen das hier jetzt gnadenlos sieben Stunden ohne Pause durch", erklärt der Kabarettist und Autor seinem Publikum am Mittwochabend. Soll wohl heißen: Achtung, die erste "Corona-Kultur-Show" ist nichts für Weicheier! Leidensfähig müssen die 60 in gebührendem Abstand platzierten Gäste im Volksbank-Forum aber auch nicht sein. Eher schon gut im Kopfrechnen. Denn Zahlen spielen immer wieder eine wichtige Rolle.

Dabei beginnt alles noch recht unmathematisch, als Faber seinen Krimikommissar Henning Bröhmann einfach mal zum Tangokurs in die Volkshochschule Nidda schickt. Es wird geschaukelt und geschäkert und vor allem ziemlich intensiv gegruselt. Merke: "Astrid trägt Gymnastikhose." Auweia. Nach der einleitenden Lesung ist das Gießener Publikum auf Betriebstemperatur. Wie gut also, dass die Musikerin und Sängerin Tess Wiley ihre erste Kostprobe mit relativ sanften Klängen bestreitet. "Giving up on giving up" nennt Wiley das schöne "Mutmachlied". Und auch die Harfenistin Cordula Poos lässt es zunächst vergleichsweise sachte angehen.

Zwischen den einzelnen Auftritten bittet der Moderator und Gastgeber gern an den "Talk-Tisch". Hier spielt nicht etwa die Musik - hier schlägt das investigative Herz der Show. "Gibt es eigentlich Harfenisten?", möchte Faber zum Beispiel unbedingt wissen. Antwort Poos: "Die meisten sind bis zwölf Jahre alt. Danach halten nur die Härtesten durch."

Ob’s was mit den sage und schreibe 47 Saiten des beeindruckenden Instruments zu tun hat? Zumindest müssten die allabendlich aufs Neue gestimmt werden, betont Poos - und legt sogleich damit los.

So finden die Zahlen irgendwie schleichend einen Weg ins Programm. Spätestens Martin Guth hievt sie jedoch in eine hohe Position. Kaum auf der Bühne, zündet der Butzbacher Satiriker ein Pointen-Feuerwerk. Er beklagt die Midlife-Crisis, besingt die Bundesjugendspiele und rätselt, ob für ihn noch "andere Mütter auch hübsche Töchter" haben oder schon "andere Töchter auch hübsche Mütter". Und dann kommt sie, die Frage aller Fragen: "Was soll das sein, eine Doppelhaushälfte?" Bruchrechnung oder Oxymoron, man weiß es nicht.

Es folgen weitere musikalische Glanzleistungen von Wiley und Poos, die nicht nur Faber nachhaltig beeindrucken ("Wir können stolz sein, solche tollen Musikerinnen in der Stadt zu haben"). Außerdem schafft sogar Manni "The Cruiser" Kreutzer den Sprung ins Rampenlicht, bevor recht unvermittelt zwei Global Player des Kapitalismus ihr Fett wegkriegen. Guth berichtet von seiner Stippvisite bei einer amerikanischen Fast-Food-Kette mit Schwerpunkt auf Sandwiches. Mit 18 Zutaten und zwölf Soßen. Faber und Wiley schmettern eine leidenschaftliche "Ode an die Köttbullar" - und lassen demnach keinen Zweifel, um welches schwedische Möbelhaus es ihnen eigentlich geht.

Wenig später ist tatsächlich Schluss. Einfach so. Mit Standing Ovations nach zwei Stunden, nicht etwa nach sieben. Faber dankt den Unterstützern der grandiosen Show, darunter der Volksbank Mittelhessen, dem städtischen Kulturamt sowie der Gießener Allgemeinen Zeitung als Medienpartnerin. "Kommen Sie gut nach Hause", verabschiedet er das Premierenpublikum. Der Subtext klingt unweigerlich durch: Aber bleiben Sie nicht wieder so lange da.

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