Das Glücksrad dreht sich um Liebe und Aids

Gießen (kw). "Nennt mal drei andere Namen für ein Kondom! ... Und was mache ich, wenn ich nachts um drei plötzlich eins brauche? Genau: Es gibt auch welche an der Tankstelle."

Gießen (kw). "Nennt mal drei andere Namen für ein Kondom! ... Und was mache ich, wenn ich nachts um drei plötzlich eins brauche? Genau: Es gibt auch welche an der Tankstelle." Am Anfang war das Gekicher groß unter den Mädchen, allmählich reden sie unbefangener über die Fragen und Aufgaben, die ihnen das Glücksrad beschert. Auch die Jungen auf der anderen Seite der Stellwand melden sich jetzt schon freiwillig, wenn es darum geht, "Knutschfleck verstecken" oder "heiraten" pantomimisch darzustellen. Der "Mitmach-Parcours zu Aids, Liebe und Sexualität" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung machte in den vergangenen zwei Tagen Station an der Ricarda-Huch-Schule.

250 Neunt- und Zehntklässler aller Zweige der Gesamtschule besuchen in Gruppen je fünf Spiel- und Wettbewerbsstationen. Dort stehen Mitarbeiter der Bundeszentrale und der örtlichen Kooperationspartner Pro Familia und Aids-Hilfe.

Sie stellen Fragen wie: Kann ich mich mit dem HIV-Erreger anstecken, wenn ich einem blutenden Unfallopfer helfe? Wie genau funktioniert ein Diaphragma, wann sollte ich es einsetzen und wieder herausnehmen? An einer Station erdenken sich die Gruppen die Geschichten eines Menschen, der soeben erfahren hat, dass er oder sie HIV-positiv ist. In dem Stuhlkreis etwas abseits geht es ruhig zu - ansonsten erfüllt Lärm den Raum.

Ein gutes Zeichen, erläutert Roland Titt von der BZgA: "Spaß und Aktion helfen, das Thema zu enttabuisieren." Denn Jugendliche lernten zwar viel über Sexualität und auch die damit möglicherweise verbundenen Gefahren, "aber oft fehlt die persönliche Auseinandersetzung" - gerade mit Aids. "Viele denken: Das betrifft mich nicht." Dabei steige die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland an. Oft seien die Informationen auch weit weg vom Nachdenken über das eigene Verhalten: Wie kann ich im entscheidenden Moment das Thema Verhütung ansprechen?

"Es wird gelacht, aber die Schüler sind interessiert und konzentriert bei der Sache", beobachtet Erika König von Pro Familia Gießen. Die örtliche Vertretung der Gesellschaft für Familienberatung, Sexualpädagogik und Sexualberatung hat die Initiative ergriffen und den seit 1994 durch Deutschland tourenden "Liebes-Parcours" nach Gießen geholt. An der RHS stieß ihr Vorschlag sofort auf offene Ohren. Was der Expertin König besonders gefällt: Die Aufgaben eröffneten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Möglichkeiten, sich über Sexualität auszutauschen "in angemessener Form: Weder abwertend und sexistisch noch formal-medizinisch".

Pro Familia und die Aids-Hilfe knüpfen bei einer solchen Aktion auch Kontakte zu Lehrern und Schülern: Die lernen die Ansprechpartner vor Ort kennen, bei denen sie Unterstützung finden, wenn sie ein Unterrichtsprojekt planen oder nach einem Krach mit dem Freund ihr Herz ausschütten wollen.

Nach anderthalb Stunden haben die Jungen und Mädchen sich mit Themen befasst, über die sie im Alltag kaum sprechen. Auch die begleitenden Lehrer haben übrigens oft etwas dazugelernt. Wer weiß schon, wie ein "Vaginalring" zur Schwangerschaftsverhütung aussieht oder dass fast alle HIV-infizierten Mütter Babys bekommen, die das Virus nicht in sich tragen?

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