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Len wird im Schulalltag von Jako van Elkan unterstützt. FOTO: SCHEPP

Schulen

Vom Glück eines Grundschülers

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Seit einem halben Jahr geht der sieben Jahre alte Len auf die Ludwig-Uhland-Schule. Er hat Trisomie 21. Es ist ein Lehrstück, wie Inklusion gelingen kann.

Sich eine längere Zeit zu konzentrieren, fällt Len manchmal schwer. Und ab und an wird ihm alles zu viel, dann will er einfach nur weglaufen. Der sieben Jahre alte Junge hat Trisomie 21. Er geht in die erste Klasse an der Ludwig-Uhland-Schule. "Vor der Einschulung habe ich mir den Kopf zerbrochen, was schief gehen könnte", sagt sein Vater Haiko Schimpf. "Ich hatte Angst, Len könnte ausgegrenzt werden." Das Gegenteil ist der Fall: Der Junge kommt bei seinen Mitschülern gut an und im Unterricht zurecht. Dank eines Teilhabeassistenten nutzt er das Ganztagsangebot der Grundschule. "Das ist ein positiver Schockzustand", sagt seine Mutter Sonja Schimpf und lächelt. "Ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag, an dem Len am Unterricht teilnimmt."

Lens Erfolgsgeschichte ist nicht selbstverständlich. In Stadt und Landkreis Gießen gibt es 350 Inklusionskinder. Teilhabeassistenten, die sie im Schulalltag begleiten, werden vom Schulträger nur während der Unterrichtszeit finanziert; für den Nachmittag müsste das Sozialamt sie extra bewilligen. Dabei nehmen zum Beispiel an der Uhlandschule 90 Prozent der Kinder Angebote nach dem regulären Unterricht wahr. Ein Punkt, den der Gesetzgeber verschlafen hatte. Die Hilfe gilt als "einkommensabhängig". In Gießen werde sie "fast immer" abgelehnt, sagten Vertreter des Arbeitskreises "Übergangsgestaltung" bei einem Pressegespräch im Mai. Auch andere Kreise nutzten "Schlupflöcher". Ab Januar wird diese Regelung Geschichte sein. Dann haben Eltern einkommensunabhängig ein Recht auf Teilhabeassistenz für schulische Ganztagsangebote.

Lens Eltern sind berufstätig. Der Junge hätte wohl nicht in einer Regelschule unterrichtet werden können, wenn nicht viele Faktoren zusammengekommen wären, sagt Sonja Schimpf: Die Schuldezernentinnen von Stadt und Landkreis Gießen, Astrid Eibelshäuser und Dr. Christiane Schmahl, hatten sich zusammengesetzt; in einer Einzelfallprüfung wurde entschieden, einen Teilhabeassistenten auch nachmittags zu bewilligen. Der Arbeitskreis hatte die Eltern zuvor an die Hand genommen und unbürokratisch beim bürokratischen Aufwand geholfen. Das Netzwerk "Gelingender Übergang" hatte den Jungen zwei Jahre zuvor begleitet. Und die Schule hatte im Vorfeld offen das Gespräch gesucht, Bedarfe und Aufträge klar formuliert.

Ein Teilhabeassistent begleitet Inklusionskinder im Schulalltag. Angestellt ist er über den Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung (siehe Kasten). An der Uhlandschule gibt es für die vier Kinder mit Hilfebedarf und für ein Kind mit Diabetes jeweils einen Helfer. Len wird von seinem Assistenten Jako van Elkan morgens zuhause abgeholt; dann fahren sie gemeinsam im Stadtbus zur Schule und später wieder nach Hause. In Absprache mit dem Jahrgangsteam - die Lehrerinnen Katrin Hägerich, Christine Müller, Stephanie Peuker sowie Konrektorin Anke Fink - hilft er bei der Umsetzung der Lernziele. Die sind nicht die gleichen wie die der anderen Kinder. Dabei liege der Fokus des Helfers auf Len, sagt Fink, aber verantwortlich fühle er sich für die gesamte Gruppe. Wenn möglich, zieht sich van Elkan zurück. "Es geht darum, nicht die Sonderrolle des Kindes zu zementieren", sagt Schulleiter Dr. Jan Schneider.

Frage der Professionalität

Damit die Zusammenarbeit funktioniert, braucht es laut Schneider eine klare pädagogische Grundhaltung: "Die Heterogenität der Kinder wird hier gelebt, und Inklusion ist eben ein Teil davon." Das klingt einfach, erfordert aber viel Arbeit und viele Absprachen. Für Schneider ist es eine Frage der Professionalität. "Inklusion müssen bei uns alle machen, auch der Hausmeister und die Sekretärin", betont der Schulleiter. "Sätze wie ›Ich bin dafür nicht ausgebildet‹ wollen wir hier nicht hören."

Das kommt auch Len zugute. Seine Eltern erzählen, dass ihr Sohn mittlerweile Buchstaben lesen, schreiben und rechnen könne. "Ich hätte das nicht für möglich gehalten, dass das so schnell klappt", sagt Sonja Schimpf. Dass die anderen Schüler mehr könnten, frustriere ihn nicht, betont Schneider. "Momentan spornt es die Kinder eher an." Und Len sei nicht aufwendiger zu betreuen als andere Kinder ohne Unterstützungsbedarf. Gleichzeitig bringe der Junge viele Impulse in den Unterricht, erzählt Fink. Im Religionsunterricht habe er zum Beispiel gefragt, warum die Heiligen Drei Könige Maria, Josef und dem Neugeborenen eigentlich nichts zu Essen mitgebracht hätten. Das hätte die Familie doch besser gebrauchen können als Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Einmal in der Woche singt der Junge im Schulchor; der Assistent kann mittlerweile in dieser Zeit Pause machen. Ein Glücksmoment von vielen im Leben eines Grundschülers.

Aufgaben des Teilhabevereins

Der Verein zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderung (VFIMB) stellt im Auftrag von Sozial- und Jugendhilfeträgern Teilhabeassistenten ein, die Kinder und Jugendlichen im Schulalltag unterstützen. Die Träger übernehmen die Kosten der Betreuer, der Verein das Einstellungsverfahren, die Dienstaufsicht und die finanzielle Abwicklung.

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