Diese Archivaufnahme aus dem Jahr 2018 zeigt einen Mitarbeiter der Firma Rincker, der die Glocke und das Läutewerk in der Schiffenberg-Basilika überprüft. FOTO: ARCHIV/DKL
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Diese Archivaufnahme aus dem Jahr 2018 zeigt einen Mitarbeiter der Firma Rincker, der die Glocke und das Läutewerk in der Schiffenberg-Basilika überprüft. FOTO: ARCHIV/DKL

Glockenklang nur im Ausnahmefall

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Die Glocke auf dem Schiffenberg erklingt nur zu besonderen Anlässen. Doch es gibt durchaus Besucher auf Gießens Hausberg, denen das nicht reicht. Sie hätten gerne ein regelmäßiges Läuten. Die Chancen dafür stehen aber eher schlecht.

Was den einen oder anderen Nachbarn einer Kirche stören mag - nämlich regelmäßiges Glockengeläut -, das fehlt anderen, wenn sie auf dem Schiffenberg sind. Warum läutet die Glocke im Basilikaturm nicht zu bestimmten Zeiten? Diese Frage wird immer mal wieder gestellt. Schließlich wurde die aktuelle Glocke 1992, dank der Bemühungen der Heimatvereinigung Schiffenberg und mit Hilfe einer Spende der "Gemeinnützigen Stiftung der Bezirkssparkasse Gießen" finanziert, eigens installiert.

Kein Läuten wegen diverser Konzerte

Stadträtin Astrid Eibelshäuser, die sowohl für den Denkmalschutz als auch für die Stadthallen GmbH als Nutzungsverwalterin des Schiffenberges zuständig und zudem Vorsitzende der Heimatvereinigung Schiffenberg ist, erläutert auf Anfrage, dass die Stadt auf ein programmiertes, regelmäßiges Läuten verzichtet, "da das Gesamtensemble des Klosters Schiffenberg für sehr unterschiedliche und zu unterschiedlichen Zeiten stattfindende Kultur- und Musikveranstaltungen genutzt wird". Die Nutzung der Basilika orientiere sich daran, "dass die Basilika ein Kirchenbauwerk ist, das mittlerweile eine besondere Wertigkeit als bedeutendes Baudenkmal von nationalem Rang bescheinigt bekommen hat. Insgesamt wollen wir der ehemaligen Stiftskirche mit dem Charakter einer öffentlichen Sehenswürdigkeit mit sakralem und musealem Charakter angemessen entsprechen."

Hinter dieser Antwort verbirgt sich das Dilemma, dass der Schiffenberg bereits aktuell eine Vielzahl von Nutzungen erfährt und es durchaus schwierig ist, allen Bedürfnissen gleichzeitig gerecht zu werden. Zumal das Angebot in den nächsten Jahren auch noch weiter ausgebaut werden soll.

Der Schiffenberg mit seiner aufwendig sanierten Basilika ist ein historisch bedeutender Ort und museale Sehenswürdigkeit, soll aber künftig noch mehr für Veranstaltungen (darunter auch Hochzeitsfeiern in der Basilika) genutzt werden. Außerhalb der Corona-Zeiten mit ihren allbekannten Einschränkungen ist der Schiffenberg mit seiner Basilika Konzertsaal, Eventfläche für Rockkonzerte wie etwa im Kultursommer, beliebtes Ausflugsziel von Wanderern und Radlern mit Biergarten-Gastronomie - alles auf einmal. Da ist eine Kollision der unterschiedlichen Interessen fast unausweichlich.

Nicht bestätigt hat die Stadträtin einen weiteren Grund, der auch eine Rolle spielen könnte, warum auf dem Schiffenberg kein regelmäßiges Läuten vorgesehen ist: den umständlichen Zugang zum Vierungsturm. Da Glocken und Glockenstühle jährlich von Fachleuten geprüft werden müssen, soll die Stadt diesen Aufwand gespart haben.

Glocke ist intakt und könnte läuten

Die Glocke der Schiffenberg-Basilika ist allerdings intakt. Im letzten Jahr wurde sie verschiedentlich auf besonderen Wunsch von Nutzern und zu besonderen Anlässen geläutet, beispielsweise zur Adventsfeier der Heimatvereinigung oder im Rahmen eines Gottesdienstes.

Im Vierungsturm hängt übrigens längst nicht mehr das Original, sondern ein Nachguss der über 600 Jahre alten Marienglocke, die seit 1965 verschwunden war.

In den Inventarlisten des Deutschen Ordens war im 18. Jahrhundert noch von drei Glocken im Kirchturm und einer "Vesperglocke" an der Außenseite des Komtur-Gebäudes die Rede. 1811 wurden zwei der Glocken verkauft. Aus der "Maria Anna u. St. Elisabeth hilf vor Gott"-Glocke aus dem Jahr 1517 ließ man für Annerod zwei neue Glocken gießen, die "Gesinde- oder Vesperglocke" von 1515 wurde an die Gemeinde Daubringen verkauft.

Die auf dem Schiffenberg verbliebene dritte Kirchenglocke, die kleinste des Trios, wurde Anfang der 1970er Jahre von Unbekannten gestohlen. Sie soll 1965 anlässlich einer Hochzeit zum letzten Mal geläutet worden sein und wurde 1992 durch besagten Nachguss ersetzt. Der Kirchengemeinde Hausen, vertreten durch den ehemaligen Pfarrer Heinrich Meißner, und der Heimatvereinigung Schiffenberg, damals noch unter dem Vorsitz des früheren Gießener Oberbürgermeisters Manfred Mutz, war es gelungen, einen Nachguss der "Marienglocke" von der Glockengießerei Rincker in Sinn (Lahn-Dillkreis) zu bekommen. Die "Gemeinnützige Stiftung der Sparkasse Gießen" hatte die Kosten von rund 15 000 DM übernommen.

Im Beisein von Dekan Henning Wobbe (Gießen), Pfarrer Meißner, Oberbürgermeister Mutz, einer Schulklasse aus Gießen und anderen Gästen wurde sie mittels Feuerwehr-Drehleiter im Glockenturm der Basilika aufgehängt. Am Sonntag, dem 22. März 1992, erklang sie um 11.30 Uhr erstmalig wieder bei einer ökumenischen Andacht. Bei der Adventsfeier der Heimatvereinigung im Jahr 2019 vorerst zum letzten Mal.

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