Von Gleichberechtigung noch weit entfernt

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"Mit dem Frauenwahlrecht begann die Demokratie in Deutschland. Es war kein Geschenk der sechs Herren im Rat der Volksbeauftragten, sondern Ergebnis eines langen Kampfes. Auf dem Weg zur Emanzipation der Frau war es aber nur eine Etappe", würdigte Referentin Dr. Kerstin Wolff bei ihrem Vortrag im Oberhessischen Geschichtsverein den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts. Vorgestellt wurde die Referentin von Dagmar Klein aus dem Vorstand des Geschichtsvereins als "die absolute Fachreferentin" zu diesem Thema, das viele Besucher anzog. Beide waren sich einig, dass eine solche Resonanz auf das Stimmrecht für Frauen vor 20 Jahren so nicht denkbar gewesen wäre.

"Mit dem Frauenwahlrecht begann die Demokratie in Deutschland. Es war kein Geschenk der sechs Herren im Rat der Volksbeauftragten, sondern Ergebnis eines langen Kampfes. Auf dem Weg zur Emanzipation der Frau war es aber nur eine Etappe", würdigte Referentin Dr. Kerstin Wolff bei ihrem Vortrag im Oberhessischen Geschichtsverein den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts. Vorgestellt wurde die Referentin von Dagmar Klein aus dem Vorstand des Geschichtsvereins als "die absolute Fachreferentin" zu diesem Thema, das viele Besucher anzog. Beide waren sich einig, dass eine solche Resonanz auf das Stimmrecht für Frauen vor 20 Jahren so nicht denkbar gewesen wäre.

Bei der Beantwortung der Frage, warum das Thema solche Fahrt aufnehme, hob sie hervor, dass sie ihre eigene Version der Geschichte erzählen werde, wozu auch gehöre, dass dieses Recht der Frauen eben kein direktes Ergebnis der Novemberrevolution von 1918 gewesen sei. Sie verwies auf die Ausstellung "Damenwahl" in Frankfurt und stellte Ideen, Theorien und Protagonistinnen vor. Geschichte am Beispiel prominenter Figuren darzustellen, sei heute nicht unumstritten, aber sie sei der Auffassung, dass die von ihr erwähnten Frauen lediglich "Speerspitzen" einer Bewegung gewesen seien.

Als erste "politische Schriftstellerin" stellte sie die durch ihre Arbeiten über die Arbeitsbedingungen im Erzgebirge hervorgetretene Louise Otto (1819–1895) vor, die in der Paulskirche "mitbestimmen und nicht auf der Galerie sitzen wollte". Ihr Ruf von 1849, "Wohlauf denn, meine Schwestern, wir wollen das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat", blieb zunächst ungehört. Zusammen mit Luise Schmidt gründete sie 1865 in Leipzig den "ersten reichsweiten Frauenverein in Deutschland", dem viele weitere folgten, auch in Gießen. Als originell wertete sie den Ansatz von Hedwig Dohm (1831–1919), die die Frage stellte, warum "haben wir das Frauenwahlrecht eigentlich nicht?" und an ihre Geschlechtsgenossinen appellierte: "Ohne das Stimmrecht seid ihr den ungeheuerlichsten Verbrechen an Frauen ausgeliefert." Helene Lange (1848–1930) wandte sich in ihrer "gelben Broschüre" gegen die immer noch aufrecht erhaltene Fiktion, "dass die Männer zugleich die Interessen der Frau wahren" würden.

Plädoyer für ein Paritätsgesetz

Als einzige offen für das Frauenwahlrecht eintretende Partei nannte Wolff für 1891 die SPD und verwies darauf, dass die sozialistische Frauenbewegung um Klara Zetkin und Luise Zietz lediglich den sozialistischen Frauen das Wahlrecht erstreiten wollte, die bürgerlichen hätten dies nicht nötig. 1912 gründete sich ein "Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation", offensiv verfochten durch einen Weimarer Oberlehrer. Vorausgegangen war 1902 die Gründung des ersten Hamburger Frauenstimmrechtsvereins durch Anita Augsburg (1857–1912), der rein propagandistische Arbeit geleistet habe.

Bei der ersten Wahl zum Parlament des Volksstaates Hessen kamen gerade einmal fünf Frauen ins Parlament, alle aus Südhessen. Ein Überblick über die Zeit von der Naziherrschaft bis zur Gegenwart förderte bemerkenswerte Dinge zutage, etwa den "Trick" der NSDAP, die Partei lasse sich nur durch Männer vertreten und das Ende der Demokratie überhaupt, oder das "Lehrerinnen-Zölibat". Nach der Aufnahme der Emanzipation der Frau ins Grundgesetz habe letzteres bis in die 50er Jahre eine Rolle gespielt. Vergewaltigung in der Ehe sei erst Ende der 1990er Jahre zur Straftat erklärt worden und Willy Brandts Kabinett habe trotz seines Satzes, mehr Demokratie wagen zu wollen, den niedrigsten Frauenanteil überhaupt gehabt. Auch heute, so schloss Wolff ihren mit viel Beifall bedachten Vortrag, sei man von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Der nächste Schritt vorwärts könne etwa durch ein Paritätsgesetz nach dem Vorbild Frankreichs erfolgen. (Foto: has)

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