"Gischa" heißt: Auf jemanden zukommen

Gießen (srs). Die Eindrücke waren mannigfach. Heitere Momente erlebten die Familien beim Pflanzen von "Shalom"-Rosen im Botanischen Garten - und empfanden Augenblicke der Schwermut auf dem Neuen Friedhof. Sie führten anregende Gespräche mit Gießener Schülern, anschließende Spaziergänge weckten berührende Erinnerungen an die eigene Kindheit in Gießen. "Jede Minute bot eine neue Überraschung", resümierte Josef Stern, der am Dienstag zudem mit der Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet worden war.

Gießen (srs). Die Eindrücke waren mannigfach. Heitere Momente erlebten die Familien beim Pflanzen von "Shalom"-Rosen im Botanischen Garten - und empfanden Augenblicke der Schwermut auf dem Neuen Friedhof. Sie führten anregende Gespräche mit Gießener Schülern, anschließende Spaziergänge weckten berührende Erinnerungen an die eigene Kindheit in Gießen. "Jede Minute bot eine neue Überraschung", resümierte Josef Stern, der am Dienstag zudem mit der Hedwig-Burgheim-Medaille ausgezeichnet worden war. Acht jüdische, aus Gießen stammende Familien, verbrachten hier bis gestern auf Einladung der Stadt eine Woche in ihrer alten Heimat. Den offiziellen Abschluss der diesjährigen Begegnungswoche bildete am Freitagabend eine Sabbatfeier im Jüdischen Gemeindezentrum.

Seit 1982 lädt die Stadt alle zwei Jahre jüdische Familien, die durch den Holocaust ihre alte Heimat in Gießen verloren, zu einer Begegnungswoche. An der inzwischen 13. Wiederholung nahmen 19 Menschen, die heute in Israel und in den USA leben, teil. "Es war eine unglaubliche Woche", berichtete Stern. "Es war Begegnung mit dem, was einmal Heimat war.

" Darüber hinaus seien in den letzten Tagen auch Freundschaften zwischen Israelis enger gerückt. Im Mittelalter, erklärte Stern, hätten Juden deutsche Städte mit hebräischen Namen versehen. Gießen habe die Bezeichnung "Gischa" erhalten. "Wörtlich heißt das, auf jemanden zuzukommen, sich zu begegnen".

Einer der Höhepunkte der Woche war am Dienstag die Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille an den in Haifa wohnenden Stern für sein Bemühen um Versöhnung zwischen Israel und Deutschland. Seit den 60er Jahren hält er den Kontakt zwischen weltweit verstreuten Juden aus Gießen aufrecht. Der 87-jährige gründete in Israel den "Verein ehemaliger Gießener und Umgebung", den er bis heute leitet. Neben seiner Ehefrau hatte ihn auch seine Tochter Tami Golan Stern nach Gießen begleitet. "Ich habe Gießen und die Gießener als sehr warm kennengelernt", sagte sie. Vor allem aber habe ihr der Aufenthalt ihren Vater noch nähergebracht. "Ich habe ein Stück meiner Familiengeschichte gewonnen. Und auch ein kleines Stückchen Heimat."

So fanden auch die mitgereisten Kinder der zweiten Generation einen Bezug zur ursprünglichen Heimatstadt ihrer Eltern. Die ganze Woche sei "ein großer Schritt zur Versöhnung", sagte Carel Mayer, dessen Mutter Chava, eine geborene Spier, aus Gießen stammt. "Sehr positiv stimmt mich auch, dass hier eine jüdische Gemeinde ist, die Sabbat feiert. Es geht weiter." Seine Mutter ist vor allem nach Gießen gekommen, um das Grab ihres Großvaters aufsuchen zu können. "Wenn ich in zwei Jahren gesund bin, komme ich wieder", sagte sie.

Zu den Besuchern zählte auch ein Enkel des zwischen 1895 und 1933 dienenden Gießener Rabbiners Dr. Leo Hirschfeld, Yehuda David Hirschfeld aus Efrat nahe Betlehem. "Diese Begegnungswoche war rührend", fasste er zusammen. In besonderer Erinnerung blieben ihm Gespräche mit Jugendlichen der Ricarda-Huch-Schule am Mittwoch. "Die Schüler haben vor dem Treffen recherchiert und Zeugnisse meiner Mutter aus den Jahren 1922 und 1923 ausfindig gemacht." Die Kopien werde er nun seiner Mutter nach Hause mitbringen.

Die jüdische Gemeinde lud am Freitagabend anlässlich des Eintritts des Sabbat zu einem Gottesdienst und anschließend zu koscherem Essen. Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann äußerte in einer Ansprache die "Hoffnung, dass Sie sich ein Stück zuhause gefühlt haben. Sie sind und bleiben Gießener. Ich freue mich, wenn wir uns baldigst wiedersehen." Unter den Gästen war auch der Landtagsabgeordnete Gerhard Merz. Marion Balser vom Partnerschaftsverein Gießen-Netanya sprach in einer kurzen Rede von einer "gefühlvollen, lebendigen Woche" und überreichte Josef Stern einen in einen Spiegel gefrästen Davidstern.

Sabbat und Rosen: Den offiziellen Abschluss der Begegnungswoche bildete am Freitagabend eine Sabbatfeier im Jüdischen Gemeindezentrum, bei der Oberbürgermeister Haumann (l.) die Gäste begrüßte. Am Donnerstag waren aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya "Shalom"-Rosen im Botanischen Garten gepflanzt worden (Rechts Holger Laake, der Leiter des Botanischen Gartens, und Partnerschaftsvereinsvorsitzende Marion Balser, 4. von rechts der Träger der Hedwig-Burgheim-Medaille, Josef Stern). (Fotos: srs/Schepp)

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