Kaffee ist ein altes Hausmittel gegen starken Husten. Deswegen kochte 1959 eine Frau in Rödgen ihrem Ehemann eine Tasse. Der Zimmermann hatte wegen Lungenkrebs einen Hustenanfall. Die Frau gab neben Milch und Zucker aber noch eine kleine Menge Pflanzenschutzmittel in das Getränk - um den Ehemann zu vergiften. Durch die geringe Menge an Gift war der Todeskampf des Mannes lang und qualvoll.	SYMBOLFOTO: SEG
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Kaffee ist ein altes Hausmittel gegen starken Husten. Deswegen kochte 1959 eine Frau in Rödgen ihrem Ehemann eine Tasse. Der Zimmermann hatte wegen Lungenkrebs einen Hustenanfall. Die Frau gab neben Milch und Zucker aber noch eine kleine Menge Pflanzenschutzmittel in das Getränk - um den Ehemann zu vergiften. Durch die geringe Menge an Gift war der Todeskampf des Mannes lang und qualvoll. SYMBOLFOTO: SEG

Serie »Mord verjährt nicht«

Der Giftmord am Zimmermann aus Rödgen

  • VonSebastian Schmidt
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Vor 60 Jahren starb ein Rödgener Zimmermann. Seine Frau hatte ihm einen vergifteten Kaffee gekocht. Das Motiv: Er soll sie über Jahre beschimpft und verprügelt haben.

Unbeobachtet träufelt die 49-Jährige ein paar Tropfen Gift aus einem Glasröhrchen in die Tasse Kaffee und reicht sie ihrem 61-jährigem arglosen Mann. Dann nimmt die Frau selbst eine Schlaftablette und legt sich ins Bett. Am nächsten Morgen wacht die Frau neben ihrem toten Mann auf. Die Tat, die sich wie ein kaltblütiger Mord liest, hatte laut der Täterin Maria Schüler (Name der Täterin und des Opfers von der Redaktion geändert) folgendes Motiv: Ehemann Anton Schüler hatte sie über Jahre hinweg beschimpft, beleidigt und verprügelt. Die Ehefrau beging den Mord 1959 in Rödgen und wurde noch im gleichen Jahr zu 12 Jahren Haft verurteilt.

Gewalt gegen Frauen ist bei weitem kein Thema, dass sich nur in Geschichtsbüchern finden lässt. Die Frauenhäuser in Deutschland sind voll - auch heute. Frauen die als einzigen Ausweg, die Ermordung ihres Ehemann sehen, haben sogar eine eigene Strafrechtskategorie begründet. Strafrechtsprofessor Pierre Hauck von der Justus-Liebig-Universität erklärt, dass es sich um einen Haustyrannen-Fall handelt.

Was ist die Vorgeschichte zu dem Mord in Rödgen? Maria Schüler stammte ursprünglich aus dem Sudetenland und heiratete dort 1935 ihren ersten Ehemann. Die Ehe hielt nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Frau nach Rödgen und lernte den Zimmermann Anton Schüler kennen. 1954 heirateten die beiden. Aber nach dem ersten Ehejahr soll es zwischen dem Paar immer wieder zu Streitereien gekommen sein, wie Maria Schüler vor Gericht aussagte. Grund dafür sei auch das Frauenbild des Mannes gewesen. Selbst wenn Maria Schüler krank war, soll Anton die Frau zu Hausarbeiten gezwungen haben. Wenn das Paar deswegen stritt, soll Anton Maria Schüler beleidigt, erniedrigt und geschlagen haben.

Das war in Rödgen bekannt. Der damalige Bürgermeister will davon zwar nichts mitbekommen haben, aber zwei Frauen aus dem Dorf berichteten vor Gericht, dass sich Maria Schüler mehrfach über die Gewalt beklagte und blaue Flecken hatte. Auch der Arzt der Familie wusste darüber Bescheid - eingeschritten war niemand.

Frauen durften nicht selbst entscheiden

Maria Schüler wandte sich im Herbst 1955 an einen Gießener Rechtsanwalt, da die Frau eine eigene Wohnung haben wollte. Warum Maria Schüler deswegen zu einem Anwalt ging? Frauen durften erst seit 1962 ohne Zustimmung ihres Mannes ein eigenes Konto führen. Erst seit 1977 durften Ehefrauen selbstständig einen Arbeitsvertrag unterzeichnen. Eine eigene Wohnung zu mieten, war schwierig. Es kam dann zu einer gemeinsamen Aussprache des Paares im Büro des Anwaltes. Dabei erklärten sich Maria und Anton Schüler bereit, die Ehe fortzuführen. Anton Schüler versprach, dass er seine Frau nicht mehr schlagen werde.

Das war aber nicht das letzte Mal, dass der Gießener Anwalt mit der Familie Schüler zu tun hatte. Vor Gericht erzählte der Anwalt, dass Maria Schüler noch einmal zu ihm kam und diesmal die Scheidung wollte. Dazu kam es aber nicht. Maria Schüler ermordete schließlich am 7. April 1959 ihren Ehemann. Was genau in der Tatnacht geschah, erzählte Maria Schüler vor Gericht.

Die Frau und ihr Mann legten sich wie gewohnt schlafen. In der Nacht bekam Anton Schüler einen Hustenanfall. Der Zimmermann litt unter Lungenkrebs. Maria Schüler machte ihrem Mann Vorwürfe, weil Anton die Frau aus ihrem Schlaf riss. Ein Streit entbrannte. Maria Schüler verließ daraufhin das Schlafzimmer und machte ihrem Mann einen Kaffee, ein altes Hausmittel gegen Hustenanfälle.

Während Maria Schüler den Kaffee kochte, soll der Ehefrau spontan die Idee zur Tat gekommen sein. Die 49-Jährige nahm ein Glasröhrchen mit Pflanzenschutzmittel, das die Ehefrau schon vor einem Jahr gekauft hatte. Maria Schüler tröpfelte eine geringe Menge von dem Inhalt in den Kaffee und rührte um. Das Röhrchen versteckte die Frau anschließend im Aschenkasten. In den Kaffee gab Maria Schüler noch Milch und Zucker und reichte die Tasse ihrem Mann. Die Frau stand neben dem Bett während Anton Schüler trank und nahm dann selbst zum Einschlafen eine Schlaftablette. Umbringen wollte die Frau, laut eigener Aussage, ihren Ehemann nicht. Maria Schüler habe Anton Schüler nur »schwach« machen wollen, um in Ruhe schlafen zu können.

Maria Schüler fand die Leiche nach dem Aufstehen und meldete den Tod wie vorgeschrieben dem Standesbeamten. In Rödgen, wo die Menschen jedoch von den Misshandlungen Bescheid wussten, begann die Gerüchteküche zu kochen.

Als die Polizei von den Gerüchten erfuhr, beschlagnahmten die Beamten die Leiche und veranlassten die Obduktion durch Professor Lapp. Der Professor fand bei der Obduktion Spuren der Vergiftung. Dass Maria Schüler nur eine geringe Menge des Pflanzenschutzmittels benutzt hatte, sollte sich für das Opfer als fatal erwiesen haben. Anton Schüler habe einen langen und qualvollen Todeskampf geführt, sagte Lapp damals im Prozess.

Während der Vernehmung leugnete Maria Schüler anfänglich die Tat, legte dann aber ein Geständnis ab. Staatsanwalt Lazer glaubte der Frau jedoch nicht, dass sie Anton Schüler mit dem Gift nur schwächen wollte. Maria Schüler habe vielmehr aus Hass gehandelt. Lazer warf der Frau vor, die Wurzel zu dem unglücklichen Eheleben selbst gesetzt, die Schuld aber immer bei anderen gesucht zu haben. Die geplante Scheidung habe die Frau verworfen, weil sie befürchtet habe, das Wohnrecht in dem gemeinsam erbauten Haus zu verlieren. Deswegen habe Maria Schüler ihren Mann heimtückisch ermordet.

Der sachverständige Psychologe, Professor Jacob von der Universitätsklinik Marburg, erklärte vor Gericht, dass die Fähigkeit der Angeklagten zur Einsicht in das Unrecht ihrer Tat erheblich eingeschränkt war. Dementsprechend verurteilte Amtsgerichtsrat Dr. Zimmermann Maria Schüler zu einer Zuchthausstrafe von zwölf Jahren. Normalerweise gab es auch damals für Mord lebenslange Haft.

Strafrechtsprofessor Hauck erklärt, dass die Strafe heutzutage vergleichbar wäre - möglicherweise etwas geringer. Auch heute käme für das Gift im Kaffee Mord aus Heimtücke in Betracht, worauf lebenslange Freiheitsstrafe stehe. »Die Rechtsprechung berücksichtigt solche Umstände, bei denen Ehefrauen sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als den körperlich meist überlegenen Ehemann zu vergiften.« Jede Ehefrau, die heutzutage in einem solchen Ehemartyrium töte, dürfe damit rechnen, weniger als lebenslänglich zu bekommen, sagt Hauck. Das besondere an dem Fall damals sei, dass der Sachverständige eine verminderte Schuldfähigkeit infolge einer seelischen Störung angenommen hatte. Hauck erklärt, dass das Landgericht Gießen das auch heute berücksichtigen würde, wenn es »einen echten psychiatrischen Befund, wie Angststörungen oder Depressionen« gäbe. Das Gericht würde die Strafe abmildern. Hauck schätzt, dass die Täterin heutzutage eine Haftstrafe von zehn Jahren bekommen würde.

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