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"JLUoffline war und ist prägend", sagt Joybrato Mukherjee - hier im Uni-Hauptgebäude vor der Büste Justus Liebigs - im GAZ-Interview. FOTO: SCHEPP

Joybrato Mukherjee

Gießens Uni-Präsident: "Ich hatte Jobangebote"

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Seit gut zehn Jahren ist Joybrato Mukherjee Präsident der Uni Gießen. Und er will es bleiben. Im GAZ-Interview verrät der 46-Jährige viel über sich und über seine Arbeits- und Denkweise.

Die Erläuterung "Pause" müsste eigentlich vor den meisten Antworten von Prof. Joybrato Mukherjee stehen. Der Präsident der Justus-Liebig-Universität denkt gründlich nach, bevor er druckreif formuliert. Im Interview blickt er - wegen der Hacker-Krise mit einigen Wochen Verspätung - zurück auf seine ersten zehn Jahre an der Spitze der Hochschule. Dass er für eine dritte Amtszeit kandidiert, hat der 46-Jährige diese Woche im Senat angekündigt.

Herr Mukherjee, Sie wollen in Gießen bleiben. Haben Sie Reaktionen auf Ihre Ankündigung bekommen, für eine dritte Amtszeit als Unipräsident zu kandidieren?

Ja. Was mich gefreut hat: Dass diejenigen, die sich bei mir gemeldet haben, die Entscheidung begrüßen. (Mit einem Augenzwinkern): Die, die es nicht begrüßen, haben sich wahrscheinlich nicht gemeldet. Was aus der Bewerbung wird, ist Sache der universitären Gremien.

Was waren Ihre Alternativen?

Im Wissenschaftsmanagement passiert viel. Natürlich gab es in den letzten Jahren immer wieder Anfragen, zumal der Kreis der in Frage kommenden Personen nicht so groß ist. Welche Angebote konkret auf meinem Tisch lagen, möchte ich hier verständlicherweise nicht offenlegen.

Sie nennen den Umgang der Uni mit den Folgen des Hacker-Angriffs vom 8. Dezember als einen der Beweggründe, weiterhin zur Verfügung zu stehen. Welche Bedeutung hat diese Krise für Sie?

JLUoffline war und ist prägend auf verschiedenen Ebenen. Fachlich war sie ein Weckruf nicht nur für uns, sondern für die Hochschulen insgesamt. Dass das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Stabilität der EDV-Systeme gewachsen ist, zeigen uns die Anfragen aus dem In- und Ausland. Auf der sozialen Ebene war und bin ich sehr beeindruckt davon, wie solidarisch die Universität damit umgegangen ist. Dabei beziehe ich ausdrücklich die Studierenden ein. Sie wissen offenbar, dass sie gestaltende Mitglieder der Universität sind, nicht nur Konsumenten. Für mich und für das ganze Präsidium war es eine besondere Erfahrung, unter Krisenbedingungen den Blick zu schärfen für das, was im Berufsalltag wirklich wichtig ist.

Wenn Sie zurückblicken auf die Anfänge Ihrer nun zehnjährigen Amtszeit: Wie haben Sie gelernt, eine derart große Institution zu führen? Lassen Sie sich coachen?

Ich habe nie ein professionelles Coaching durchlaufen. Aber es gibt Personen, deren Rat ich suche.

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf die zehn Jahre zurückblicken?

Die Universität hat sich sehr gut entwickelt und steht erfolgreich da. Das ist im Grunde die Leistung aller Mitglieder der Universität. Das kann man an harten Zahlen festmachen, etwa zur Studierendenzufriedenheit.

Bereuen oder bedauern Sie etwas?

Es gibt zwei, drei Situationen, die ich rückblickend vielleicht anders gehandhabt hätte. Ich erinnere an die Vizepräsidentenwahl 2012. Da gab es den Vorwurf, es würde wieder nur ein rein männliches Präsidium geben. Ich empfand das als unfair. Ich hatte drei Jahre zuvor die ersten beiden Vizepräsidentinnen ins Präsidium geholt und mich auch diesmal sehr um Kolleginnen bemüht. Mit etwas Abstand denke ich, es war eigentlich ein Erfolg, dass ein rein männliches Führungsgremium nicht mehr akzeptiert wurde. Es gibt immer wieder Situationen, wo ich danach feststelle: Ich hätte mehr nach innen kommunizieren müssen.

Sie sagen, die JLU wurde früher in Hessen benachteiligt. Macht sich das heute noch bemerkbar?

Die früher nachweislichen Benachteiligungen für den Standort Gießen sind abgebaut. Die nicht getätigten Investitionen vor allem im baulichen Bereich in den 1980er- bis Nullerjahren wirken bis heute nach. Den Bedarf abzuarbeiten, wird uns noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beschäftigen. Die historische Erfahrung, dass man aus Krisen gestärkt hervorgehen kann, wenn man sie clever handhabt, ist Teil der DNA, der Seele dieser Universität. Darin liegt auch eine Chance. Gießen ist keine Uni, an der man sich ins gemachte Nest setzt. Es gibt kein Anrecht auf Erfolg. Er muss immer wieder alles erarbeitet werden.

Über Meinungsfreiheit und political correctness wird derzeit an vielen Hochschulen diskutiert. Wo sehen Sie die Aufgaben der Universitäten?

Grundsätzlich müssen wir Plattformen bieten für kontroversen Meinungsaustausch. Wir müssen alle Meinungen aushalten, soweit sie vom Bogen unseres Grundgesetzes überspannt werden. Das enthebt uns nicht der Verantwortung, uns zu bestimmten Fragen zu positionieren. Wir müssen zum Beispiel den Raum dafür lassen, dass man sich auch skeptisch zu Aspekten der Migration äußern kann. Aber wir als Universität stehen für Weltoffenheit und die Chancen der Migration.

Wie stehen Sie zu Politiker-Auftritten an der Universität?

Grundsätzlich sind Politikerinnen und Politiker gern gesehene Gäste. Ich halte nichts davon, die Arbeit politischer Parteien in eine dunkle Ecke zu drängen, denn sie erfüllen eine grundgesetzlich verbriefte Funktion. Bei eigenen Veranstaltungen achten wir natürlich auf die Ausgewogenheit der politischen Strömungen.

Ein weiteres gesellschaftspolitisches Thema: Die "Fridays-for-Future"-Bewegung. Da möchte die JLU mitmischen, was ihr ja auch gelingt - das zeigt das Interesse an der aktuellen Ringvorlesung des Präsidenten. Wo sehen Sie in diesem Prozess die Rolle der Universität?

Unsere Aufgabe sehe ich zuvörderst darin, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Debatte einzubringen. Ich glaube, da müssen wir noch aktiver werden. Wir müssen der Politik aber auch sagen: Wissenschaft braucht ein wenig Zeit, um Argumente abzuwägen. Twitter-Tempo werden wir niemals erreichen.

Sie hatten 2009 nach Ihrer Wahl zum Präsidenten angekündigt, Sie wollten weiterhin in Forschung und Lehre tätig bleiben. Ist Ihnen das gelungen?

Damals wusste ich noch nicht, dass ich zwei Jahre später zum Vizepräsidenten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gewählt werden würde. Deshalb musste ich Abstriche machen. Ich betreue Abschlussarbeiten, Doktoranden und Habilitanden, aber es ist mir nicht mehr möglich, Lehrveranstaltungen anzubieten. Ich habe jedoch ein exzellentes Team an der Professur, das alles auffängt.

Spätestens seit Ihrer Wahl zum DAAD-Präsidenten fällt es vielen schwer, sich Sie wieder im Alltagsgeschäft als Hochschullehrer vorzustellen. Man betrachtet Sie eher als übergeordneten Gestalter. Wie sehen Sie das selbst?

Ich bin Professor für englische Sprachwissenschaft. Das ist mein Beruf. Alle anderen Verpflichtungen sind Abordnungen auf Zeit. Ich weiß nicht, ob Gestalter der richtige Begriff ist. Ich sehe die Präsidentenfunktion eher als eine Mischung aus Moderator, Erleichterer, Vorschläge Unterbreitender und kommunikativ Mitnehmender.

Sie sind SPD-Mitglied. Käme für Sie langfristig auch ein politisches Amt in Frage?

Diese Option hat sich bisher nie ergeben. Ich schließe gar nichts aus. Aber ich meine, ich bin eigentlich besser im Wissenschaftsmanagement aufgehoben. Politik ist ein sehr hartes Geschäft.

Seit 1. Januar sind Sie nebenberuflich DAAD-Präsident. Können Sie schon etwas dazu sagen, ob der damit verbundene Arbeitsaufwand Ihren Erwartungen entspricht?

Wir hatten recht intensive erste Wochen mit zahlreichen Presseterminen. Mir war klar, welcher Abstimmungsbedarf zwischen Gießen und Bonn entstehen würde. Ich hatte mir das ja nicht am grünen Tisch überlegt, sondern aus der achtjährigen Erfahrung als DAAD-Vizepräsident und der Zusammenarbeit mit meiner Vorgängerin Prof. Margret Wintermantel.

Eine Anekdote aus Ihrer Vergangenheit wirft ein interessantes Schlaglicht auf Ihre Persönlichkeit: Sie haben in Ihrer Jugend virtuos Blockflöte gespielt. Dann entschieden Sie sich gegen ein Musikstudium und fassten das Instrument seitdem kaum noch an, weil Sie nicht auf Hobby-Niveau musizieren wollen. Beschränkt diese Ganz-oder-gar-nicht-Einstellung auch die Zahl der Ämter, die Sie bekleiden können?

Ich verpflichte mich ungern zu Dingen, wenn ich weiß, dass es schwierig wird, sie mit vollem Einsatz zu machen. Ich habe mir die Kombination JLU - DAAD sehr genau überlegt. Ich sehe an meinen Vorgängern, dass das sehr gut funktionieren kann. Aber von einigen Aufgaben habe ich mich getrennt.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Daran verschwende ich keinen Gedanken. Die Erfahrung lehrt sowieso, dass es nicht so kommt, wie man sich das vorstellt.

Zur Person

Joybrato Mukherjee war mit 36 Jahren der jüngste Universitätspräsident der Bundesrepublik, als er vor zehn Jahren an die Spitze der Justus-Liebig-Universität gewählt wurde. Nach Gießen kam er 2003 als Professor für englische Sprachwissenschaft. Der Sohn indischer Einwanderer wuchs im Rheinland auf und studierte Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft in Aachen. Promoviert und habilitiert wurde er in Bonn. Seit 1. Januar 2020 ist Mukherjee im Nebenamt Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der weltweit größten Förderorganisation für den internationalen Austausch. Seine zweite Amtszeit als Uni-Präsident endet im Dezember 2021. Der überzeugte Wahl-Gießener will sich für weitere sechs Jahre bewerben.

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