Nach dem irrtümlichen Abriss der Haushälfte im Flutgraben 4 müssen Feuerwehrmänner die herabhängenden Dachstücke mit einem Bagger beseitigen. Die Demonstranten schauen zu. Wenige Tage später eskaliert der Protest. FOTO: ARCHIV
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Nach dem irrtümlichen Abriss der Haushälfte im Flutgraben 4 müssen Feuerwehrmänner die herabhängenden Dachstücke mit einem Bagger beseitigen. Die Demonstranten schauen zu. Wenige Tage später eskaliert der Protest. FOTO: ARCHIV

Ausstellung

Gießens Scherbennacht vom 2. April 1981

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Die Ausstellung "Feuer und Flamme für die Stadt" zeigt anhand von politischen Plakaten Themen aus dem bewegten Gießen der 80er Jahre. Und da darf Gießens "Scherbennacht" nicht fehlen.

Die Nacht des 2. April 1981 war die gewalttätigste Nacht, die Gießen in der Nachkriegszeit bislang erlebt hat. Sie ging als "Scherbennacht" in die Geschichte der Stadt ein. Auch an sie wird in der derzeit leider nicht zu besichtigenden Ausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt - Das bewegte Gießen in den 80er Jahren" im Alten Schloss erinnert.

Das Möbelhaus Sommerlad plante seit Ende der 70er Jahre im Flutgraben ein Parkhaus zu bauen, wollte außerdem seinen Standort erweitern. Am 24. März 1981 wurden dafür die bereits leerstehenden Häuser im Flutgraben 6 bis 8 abgerissen. "Versehentlich", so ließ es der Baggerfahrer des mit dem Abriss beauftragten Wettenberger Unternehmens später wissen, wurde dabei das angrenzende, aber noch bewohnte Haus so stark beschädigt, dass es kurz darauf ebenfalls abgerissen werden musste. Mit fatalen Folgen, denn schon Stunden später protestierten mehrere hundert junge Leute im Flutgraben gegen "illegalen Abriss und Wohnungsnot".

Wohnungsnot und Hausbesetzungen waren ohnehin eines der großen "bewegten" Themen im Frühjahr 1981. Wie in fast allen größeren Städten in Deutschland waren auch in Gießen leerstehende Häuser von jungen Menschen besetzt worden. Die Alicenstraße 18 war seit Juni 1980 besetzt, seit Anfang März 1981 auch das Haus Südanlage 20.

Dass bei dem "versehentlichen" Abriss im Flutgraben die Diplomarbeit eines studentischen Bewohners zerstört worden war, heizte die Stimmung zusätzlich an. Auch der Umstand, dass das Möbelunternehmen zuvor mit Räumungsklagen gegen die Bewohner gescheitert war, sorgte für Zündstoff. Sommerlad hatte das Haus Flutgraben 4 im Jahr 1973 erworben und wie auch die benachbarten Altbauten an Studenten vermietet, allerdings mit einer Klausel im Mietvertrag, dass diese bei einem geplanten Abriss ausziehen müssten. 1978 wurde ihnen gekündigt, 1979 erhielt das Möbelunternehmen die Abrissgenehmigung, wogegen die Mieter klagten.

300 Randalierer in der Stadt

Die Proteste nach dem Abriss und der einsturzgefährdenden Beschädigung des Hauses Flutgraben 4 blieben zwar zunächst eher friedlich, auch wenn im Möbelhaus noch in der Nacht die ersten Scheiben zu Bruch gingen. Doch die Stimmung blieb angespannt. Immer wieder gab es in den darauf folgenden Tagen Protestaktionen, "Happenings" mit Rockmusik oder auch schon mal ein Lagerfeuer mitten auf der Ludwigstraße.

Doch am 2. April 1981 eskalierte die Lage: An die 300 Randalierer zogen durch die Stadt, warfen mit Pflastersteinen und Stahlkugeln Scheiben von Geschäften, Banken und Behörden ein und hinterließen einen Sachschaden von rund 300000 Mark.

Was genau zu dem heftigen Gewaltausbruch geführt hatte, ist nicht komplett geklärt. Zeitzeugen berichten in der Ausstellung, dass am 26. März 1981 die sozialkritische, niederländische Band Bots ein Konzert in den Hessenhallen gegeben hatte. Konzertbesucher schildern, dass Sänger Hans Sanders das bekannte Lied "Aufstehn" auf Gießen umgemünzt hatte und so das Publikum mobilisiert haben soll. Wie auf ein Signal hin sollen Konzertbesucher im Anschluss aus der Halle gestürmt und in Richtung Innenstadt gelaufen sein. Dort formierten sich kleinere Gruppen, von denen viele offenbar eigens für Randale nach Gießen angereist waren. Im Schutz der Dunkelheit war die Aktion bereits nach wenigen Minuten wieder vorüber.

Die Gießener Polizisten, die an diesem Abend Nachtschicht hatten, wurden förmlich überrumpelt. Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Wiesbaden, die in den Nächten zuvor in Gießen war, war gerade erst wieder abgezogen worden. Die angeforderte Verstärkung aus Marburg und Butzbach traf erst ein, als die meisten Randalierer schon wieder verschwunden waren. Es wurde lediglich ein Mann festgenommen, kein einziger Steinewerfer wurde überführt oder gar verurteilt.

Ausstellung online einsehbar

Wie andere Museen im Land, die aktuell für Publikumsverkehr geschlossen sind, arbeitet auch das Team des Oberhessischen Museums daran, die aktuelle Schau "Feuer und Flamme für diese Stadt" online einsehbar zu machen. Über Facebook werden die fünf Themen der Ausstellung im Alten Schloss über Gießens bewegte 80er-Jahre aufbereitet. Auf Instagram kann man zudem zahlreiche Plakate und Fotos aus der Ausstellung anschauen, während das Museum selbst wegen Corona geschlossen bleiben muss.

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