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Oberhessisches Museum

Gießens Schatzkammer

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Ein Besuch im Depot des Oberhessischen Museums ist wie eine Zeitreise - und zeigt die enormen Herausforderungen die Museumsleiter Katharina Weick-Joch und ihr Team zu stemmen haben.

In einem grauen Karton liegt eine Mumie. "Schädel ohne Kiefer mit Haaren" steht auf dem Behälter, daneben eine Inventarisierungsnummer. Er beherbergt jene menschlichen Überreste, die früher im Keller des Wallenfels’schen Hauses ausgestellt waren und ist nun im Depot des Oberhessischen Museums eingelagert. So wie viele andere Schätze, die weder in der Dauerausstellung noch in einer der Sonderausstellungen gezeigt werden: Möbel, Gemälde, Gießens erste Parkuhr aus dem Nachlass der Busse-Sammlung, die "Nepomuk"-Statue aus der Sammlung von Gustav Bock und vieles mehr lagert in den Schwerlastregalen. Der knapp 200 Quadratmeter große Raum, an einem mehr oder weniger "geheimen" Ort nahe des ehemaligen Schlachthofareals, platzt aus allen Nähten.

In dem Sammelsurium befinden sich auch jene fast 1000 Stücke umfassenden Dachbodenfunde der ethnografischen Sammlung, die vor wenigen Jahren beim Stöbern im Wallenfels’schen Haus entdeckt wurden. "Wir haben alles nach Fundplanquadraten sortiert. Es ist jetzt alles konservatorisch gesichert, aber noch nicht komplett inventarisiert", erzählt Dr. Katharina Weick-Joch, die erst seit einem guten Jahr das Museum leitet, aber bereits ordentlich Struktur in die Organisation gebracht hat. Mit finanzieller Unterstützung des Museumsverbandes helfen ihr Kirsten Hauer und Friedhelm Krause bei der viele Jahre vernachlässigten Inventarisierung des Bestands.

Und der wächst natürlich auch weiter an. In einem Eingangsbuch notiert die Museumsleiterin Neuzugänge und schreibt ein Annahmeprotokoll. Exponate werden samt Maßstab fotografiert, dokumentiert und bekommen eine Inventarnummer samt Standortvermerk, so dass sie jeder Mitarbeiter des Museums in den aktuell noch zwei Depots - eben jenem am Schlachthof und dem anderen auf dem Dachboden des Alten Schlosses - wiederfinden kann. Langfristig soll alles in eine öffentliche Datenbank eingepflegt werden.

"Das Depot ist nicht wirklich ein geschlossener Ort. Wenn es Anfragen gibt, gehen wir mit Interessenten dorthin", berichtet Weick-Joch. Erst am Morgen hat ein Wissenschaftler aus Australien einige der rund 500 Dokumente und Bilder des aus Gießen stammenden Bühnenbildners Hein Heckroth untersucht. Auch er musste sich im akribisch geführten Besucherbuch eintragen.

Alter Tresor aus dem Schlachthof

Der fensterlose Depotraum in der Nähe des Lahnufers schützt die Museumsschätze so gut wie möglich. Ein Klimagerät sorgt für gleichbleibende Temperatur, eine Brandmeldeanlage ist direkt mit der nahen Feuerwehr gekoppelt und in den unteren Regaletagen stehen Möbel auf Holzpaletten, falls doch einmal Wasser eindringen sollte. Im Raum selbst sind keine Wasserleitungen verlegt, damit auch dadurch kein Schaden angerichtet werden kann. Dutzende Gemälde hängen an Metallgestellen. Empfindliche Objekte aus der ethnografischen Sammlung sind in säurefreies Papier eingeschlagen, Beim Umgang mit diesen ethnografischen Exponaten tragen die Mitarbeiter vorsorglich Mundschutz und Handschuhe, "weil man nie weiß, wie diese Objekte früher behandelt wurden", erläutert Weick-Joch.

"Der Schwerpunkt des Museums liegt künftig stärker auf Dingen mit Gießen-Bezug", betont die Museumsleiterin. Und so versucht sie, unpassende Dauerleihgaben, wie einen Aufsatzschrank aus einem Frankfurter Museum, wieder zurückzugeben. Ein Verkauf von Exponaten sei aber keine Option. Vielmehr tauschten sich Museen untereinander aus. "Man kann aus der Sammlung für einzelne Ausstellungen viel herausziehen. Man muss es nur sortieren", schwärmt die Museumsleiterin und weißt mit Blick auf Kommoden und andere Möbelstücke auf eine für Herbst 2020 geplante Sonderausstellung zu Wohnkultur hin.

Wenn ihr neue Exponate angeboten werden, die die Sammlung sinnvoll ergänzen, findet Weick-Joch auch dafür noch einen Platz. Ihre jüngste Akquise ist ein alter, tonnenschwerer Tresor aus dem früheren Gießener Schlachthof. Noch steht der in der Garage eines ehemaligen Schlachthofverwalters, dessen Witwe das historische Stück loswerden möchte. "Der Schwerlasttransport ist schon beauftragt", scherzt Weick-Joch. "Ein Museum ist ganz, ganz viel Logistik."

Und dabei kommen auf die Museumsleiterin und ihr Team noch viel größere Herausforderungen und Umzugsarbeiten zu. Das Wallenfels’sche Haus soll neue Raumzuschnitte erhalten, barrierefrei erschlossen und energetisch saniert werden, auch im Alten Schloss stehen Arbeiten an. Da kommt es gelegen, dass das komplette Museumsdepot bald in ein Gebäude in der Frankfurter Straße wechselt, doppelt so groß wie das bisherige Depot. Wo genau, das sollen aber nur Eingeweihte wissen.

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