Ausländerbehörde

Das ist Gießens längste Warteschlange

  • Burkhard Möller
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Stadtmitarbeiter werden bedroht, die Wartezeiten sind endlos: Die Ausländerbehörde kommt nicht aus den Schlagzeilen. Dabei sollten die Probleme längst behoben sein.

In der Ecke sitzen zwei junge Frauen auf dem Boden und haben die Augen geschlossen. »Manche kommen schon um vier Uhr«, erzählt der Student aus dem Gabun. Er stehe seit sechs Uhr in der Warteschlange. Seine russische Kommilitonin zückt ihr Smartphone und zeigt ein Foto von 6.10 Uhr: Im Atrium des Rathauses warten zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise bereits 50 bis 70 Personen, einige liegen sogar und holen offenbar Schlaf nach. Jetzt ist es 7.45 Uhr und noch eine Viertelstunde bis zum Beginn der Sprechstunde der städtischen Ausländerbehörde. Die Warteschlange zieht sich nun durch das gesamte Atrium und umfasst schätzungsweise 130 Leute. Dauerbaustelle Ausländerbehörde

Ganz egal, ob man die Wartenden oder Mitarbeiter der Stadtverwaltung fragt, meistens hört man als Antwort: »Das ist oft so, mal sind es mehr mal weniger Leute.« Die im Erdgeschoss des Rathauses untergebrachte Behörde, die zum Ordnungsamt gehört, ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Dauerbaustelle. In den Büros hinter der Warteschlange laufen Umbauarbeiten, die noch eine ganze Weile andauern werden. Baulich und inhaltlich soll aus der Ordnungsbehörde ein »Integrationszentrum« werden mit individueller Terminvergabe und ohne Warteschlangen.  

Unter deutscher Organisation stellt man sich etwas anderes vor

Student aus dem Gabun An diesem Morgen wirkt das wie eine ferne Vision. Ein Stehtisch wird herangeschleppt, ein Ordnungspolizist steigt auf ein Podest und gibt bekannt, dass eine zweite Schlange für diejenigen aufgemacht wird, die nur einen bereits ausgestellten Aufenthaltstitel abholen wollen. »Es sind heute Morgen viele Gäste da, deshalb wollen wir das etwas aufteilen«, ruft der Uniformierte. Stundenlang vergeblich gewartet

Die Studenten indes, die ihr Visum verlängern lassen wollen, müssen in der längeren Schlange auf Einlass zu »allgemeinen Sprechstunde« hoffen. Einige Male habe er stundenlang vergeblich gewartet, weil die Sprechzeit abgelaufen war, erzählt ein Student aus Russland: »Ich habe dadurch schon Vorlesungen verpasst.« Die Landsfrau neben ihm studiert in Frankfurt, lebt in Gießen und wohnte vorher in Marburg. »Da war es auf dem Ausländeramt nicht besser.« Ihre Aufenthaltserlaubnis laufe Ende Oktober aus, seine sei bereits abgelaufen, erzählt der Gabuner. »Wenn du dann von der Polizei kontrolliert wirst, hast du ein Problem. Die lachen wenn du sagst, die Stadt kriegt das mit dem Visum nicht hin. Unter deutscher Organisation stellt man sich als Afrikaner etwas anderes vor«, sagt der Student und fügt lachend hinzu: »Aber heute könnte es klappen mit dem Termin.« Ausraster Thema in der Warteschlange

Ein Thema in der Warteschlange ist auch der Vorfall vor Wochenfrist, als ein irakischer Asylbewerber Mitarbeiter der Behörde beleidigte und mit einem Taschenmesser bedrohte. Die Stadt bezweifelt, dass der Mann wegen zu langer Wartezeit ausgerastet ist, zumal er seinen Wohnsitz in der Rabenau hat, bei der städtischen Ausländerbehörde falsch war und auch keine Wartemarke hatte. Die Studenten habe dazu eine klare Meinung: Ja, die Warterei nervt, aber man müsse sich trotzdem benehmen. Hohe Sicherheitsvorkehrungen

An diesem Morgen ist die Stimmung ruhig, »Gäste« und Stadtbedienstete gehen respektvoll miteinander um. Gleichwohl herrschen am Zugang zum eigentlichen Wartebereich Sicherheitsvorkehrungen wie in keinem anderen Bereich der Stadtverwaltung. Zwei Ordnungspolizisten in Schutzweste regeln den Einlass, drinnen wird jeder Besucher mit einem Metalldetektor abgetastet.

Dem Gabuner und den Russen wird das egal sein, als sie nach rund viereinhalb Stunden endlich eingelassen werden. Jetzt müssen sie zwar immer noch warten, aber immerhin auf einem Stuhl, mit Wartemarke und Aussicht auf einen Sprechstunden-Termin.

Info

Ausländeranteil bei 17 Prozent

Mehr Menschen und mehr Vorschriften: Das sind – neben der Umbausituation – im Wesentlichen die Gründe für die Überforderung der Ausländerbehörde. War sie 2014 noch für knapp 10 000 Ausländer zuständig, sind es aktuell fast 14 500 (Anteil von 17 Prozent), die in Gießen leben. Das liegt keineswegs nur an den Flüchtlingen, sondern auch die Zahl der Gaststudenten und -wissenschaftler sowie der ausländischen Fachkräfte ist stark angestiegen. Mit der Schaffung von sechs neuen Stellen und Umorganisationen will der Magistrat gegensteuern. (mö)

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