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Gießens kuriose Fahrradhistorie

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Fahrrad-Demo, Stadtradeln und Verkehrsversuche mit Radspuren sind aktuell Bestandteile einer Strategie zur Verkehrswende. Ein Bild im Einbecker RadHaus-Museum hat bei dem heimischen Sammler Dr. Werner Schmidt zu weiteren Recherchen der zum Teil kuriosen Fahrradhistorie in Gießen geführt.

Die Radrennbahn am Sportplatz hier - wirst schauen du mit Plaisir - zu sehen auf der Hardtterassen - beim Bier uns nieder dann zu lassen.« So beschrieb in poetischer Form ein Gießen-Führer von 1902 die zementierte Radrennbahn direkt unterhalb der ehemaligen Hardtterassen, in der über Jahrzehnte Gießens Jugendherberge beheimatet war. Heute weiden dort Pferde.

Geschaffen wurde die Bahn 1897 vom Brauereibesitzer Georg Bichler für seinen radrennsportbegeisterten Sohn Werner. Die väterliche Großzügigkeit zog schon kurze Zeit nach der Einrichtung viele Ausflügler aus Gießen an und so wurden für den neuen Sportplatz im Circlezentrum auch noch Tennisplätze geschaffen. In einem Führer von 1912 wurden die dortigen Attraktivitäten geschildert: »Bichlers oder Textors Hardt, große, zweckmäßig angelegte Radfahrbahn mit Tribüne, öfters zum Abhalten größerer Rennen genutzt; Kinderspielplatz mit Turn- und Spielgeräten; verschiedene Lawn-Tennisplätze usw.«

Radrennbahn für den Brauerei-Erben

1914 meldete sich der sportliche Werner Bichler als Kriegsfreiwilliger und fiel in Frankreich. Sein Vater, der damit auch den potenziellen Nachfolger der Brauerei verlor, kam wohl nie darüber hinweg. Damit endete auch die Nutzung der Radbahn und Georg Bichler verkaufte 1924 die Liegenschaft des Hardthofes an die Stadt und zog sich mit seiner Frau in die Schweiz zurück.

Die Geschichte des Fahrrads begann als Suche nach einer Pferdealternative. Und so sahen dann auch die ersten Alternativen zum Reitpferd aus, ein Sattel auf einem rädergetragenen Holzgestell mit Lenkvorrichtung, die im anglikanischen Sprachraum als »Dandy Horse« oder »Hobby Horse« bekannt wurden. Immerhin hielt Freiherr Karl von Drais mit dieser Erfindung Einzug in die Geschichtsbücher, eine Erfolgsgeschichte hingegen wurde diese Laufmaschine nicht, sondern sogar wegen der Gefährlichkeit für Fußgänger in manchen deutschen Städten verboten. Erst die Anbringung einer Tretkurbel am Vorderrad 1862 brachte neuen Schwung in die Fahrradentwicklung.

Der Siegeszug des Fahrrades fand aber nicht in Deutschland statt, denn für die Straßenbefestigung wurden hierzulande zumeist grobe Pflastersteine verwendet, was den Drahteseln den Beinamen »Knochenrüttler« einbrachte. Der nächste Schritt für eine Geschwindigkeitssteigerung wurde durch die schwierig zu balancierenden Hochräder umgesetzt, aber erst die Entwicklung des alltagstauglichen Sicherheitsniederrads Mitte der 1880er brachte eine zunehmende Popularisierung.

Das erste Bahnrennen in Deutschland fand 1880 in München statt, also 17 Jahre vor der Gießener Premiere. Hier wurde der erste Verein der neuen Sportart 1885 als »Radfahrverein« von Hilfs- gerichtsschreiber W. Lind etabliert. Mit der Gründung weiterer Vereine wurde zur Unterscheidung der neue Name »Gießener Radfahrer-Verein 1885« eingeführt. Es folgten 1895 der »Radfahrclub Hassia«, 1896 die Gießener Radfahrgesellschaft »Die Wanderer« und 1899 der Radclub »Germania«. Relativ kurz nach der Einrichtung des Gewerkschaftshauses 1907 in der Schanzenstraße wurde auch der Arbeiter-Radfahrer-Verein aus der Taufe gehoben.

Einer Zeitungsanzeige von 1888 des ehemaligen Instrumentenmachers Theodor Haubach ist zu entnehmen, dass die Fahrradbegeisterung auch in Gießens Bevölkerung angekommen war. Haubach war der erste Gießener Händler, der auch mit Fahrrädern handelte. Andrers als heute wurde damals der Verkauf zumeist mit anderer Handelsware kombiniert und fast schon zeittypisch wurden Nähmaschinen mitvertrieben. 1891 gab es zwei zusätzliche Anbieter, deren Beruf noch zwei Jahre vorher als Pumpenmacher angegeben wurde. Acht Jahre später boten schon zwölf Händler ihre Fahrräder an, zum Teil mit den skurrilsten Kombinationen und Vorkenntnissen. So warb 1895 Joh. Friedr. Schaaf, gegründet 1875, als »renommiertestes Geschäft der Branche in Gießen« für Fahrräder - und Nähmaschinen, Sohlenwalzmaschinen, Schreibmaschinen, Reparaturen. Das Geschäft Schaaf wurde zwar 1875 gegründet, vertrieb aber bis 1894 Frucht-, Mehl- und Landesprodukte und das propagierte Renommee entpuppt sich als Luftblase eines Neulings im Fahrradsegment. Dafür bot er schon fünf Jahre später zusätzlich Bier- und Zigarrenprodukte als Großhändler an.

Auch der für seine Kassenschränke bekannt gewordene Friedrich Krogmann stieg in das Fahrradgeschäft ein, später sogar in den Vertrieb von Adler-Automobilen. Mit zunehmender Motorisierung nahm das kombinierte Anbieten von Autos, Motorrädern und Fahrrädern zu.

Radkarte für die Innenstadtfahrt

Schon 1895 gab es ein Regelwerk für das Radfahren in Gießen. Heute würde bei den Radfahrern eine Bestimmung heftigsten Widerspruch provozieren: »Das Fahren von Zweirädern innerhalb der von der Süd-, West-, Nord- und Ostanlage begrenzten Theile der Provinzial-Hauptstadt Gießen ist ohne polizeiliche Erlaubnis nicht gestattet.« Hierfür musste eine Radkarte beantragt werden. Es ging um die Registrierung eines Verkehrsmittels mit fiskalischem Hintergrund. Jedes Fahrrad und der Halter musste beim Großherzoglichen Kreisamt am Brandplatz angemeldet werden, wofür ein Stempelgeld zu entrichten war. Als Beleg mussten »die erteilten Nummern in Höhe von 5 cm auf kleinen Platten vorne am Kopf über dem Vorderrad« so befestigt werden, dass »die Nummer nach beiden Seiten vollständig sichtbar ist«. Auch die technische Ausstattung war vorgegeben: »Jedes Fahrrad muss versehen sein: 1) mit einer sicheren Hemmvorrichtung, 2) mit einer helltönenden Glocke, 3) mit einer hellbrennenden Laterne, die den Lichtschein nach vorne auf die Fahrbahn wirft.«

Eilboten-Institut im Neuenweg

Heute wird das Fahrrad als alltagstaugliches und umweltfreundliches Individualverkehrsmittel akzeptiert, das inbesondere bei hohem Verkehrsaufkommen auch noch schnell ist. Nicht umsonst sind Pizza- und andere Bringdienste, aber auch Kurierfahrer häufig zweirädrig unterwegs. Solche Dienstleistungen gab es auch schon früher in Gießen, wenn auch aus anderen Gründen. Als »Erstes Eilboten-Institut« warben 1911 die »Roten Radler« im Neuenweg, die zweiten waren dann die »Grünen Radler« in der Rittergasse. Die Namensfindung erfolgte möglicherweise in Anlehnung an die rote und grüne Linie der Straßenbahn.

In der Gesellschaft hat sich der Stellenwert des Fahrrads deutlich gewandelt. Mit dem Hochrad von anno dazumal wollte man in den besseren Kreisen gesehen werden und eigentlich waren das die Poser der damaligen Zeit. Aber auch die alltagstauglichen Sicherheitsniederräder waren bis Anfang des 20. Jahrhunderts eher für die betuchte Gesellschaft. Mit zunehmender Motorisierung ab den 1920ern wurde das Fahrrad dann eher zum Drahtesel der Arbeiterklasse degradiert. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte es einem größeren Kreis, die motorisierte Aufrüstung als äußeres Statussymbol voranzutreiben. Allenfalls die Schulkinder fuhren noch mit dem Fahrrad durch die Straßen und wechselten im Halbstarkenalter so schnell wie finanziell möglich auf das Moped. Gute 20 Jahre später war das Fahrrad salonfähig geworden, so meldete die Zeitung 1992: »Längst gehören radelnde Herren im Nadelstreifenanzug, die Aktentasche im Körbchen, zum Stadtbild.« Und heute steht die Sicht auf die gesundheitsfördernden Aspekte im Vordergrund, verbunden mit dem Umweltschutzgedanken.

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