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Der Video-Ausschnitt soll Abfangraketen über Gießens Partnerstadt Netanya zeigen.

Nahostkonflikt

Gießens israelische Partnerstadt Netanya liegt unter Raketenfeuer

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Die Bewohner von Gießens israelischer Partnerstadt Netanya flüchten vor dem Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen in Schutzräume. »So habe ich das noch nicht erlebt«, sagt eine Augenzeugin.

Gießen/Netanya (mö). Stimmengewirr, Raunen, Schreie des Erschreckens und dann der Freude sind in dem Video zu hören. Über den Dächern einer Stadt sieht man Leuchtspurkörper in den Nachthimmel aufsteigen und explodieren. Das Video soll Anfang der Woche von einem Balkon in Netanya aufgenommen worden sein und wurde Marion Balser, der Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya, von Freunden aus Israel zugeschickt. Es zeigt, wie Boden-Luft-Raketen anfliegende Geschosse zerstören.

Dass die zwischen Tel Aviv und Haifa gelegene Gießener Partnerstadt seit Tagen unter Feuer aus dem Gaza-Streifen liegt, bestätigt am Mittwoch Edna Spitzer in einem Telefongespräche aus erster Hand. »Gestern Nacht haben die Sirenen geheult, wir mussten ganz schnell in unseren Schutzraum«, berichtet Spitzer, die früher für die Stadtverwaltung von Netanya gearbeitet hat und sich noch um Partnerschaftsangelegenheiten kümmert. Getroffen worden sei die Stadt bislang nicht - dank des sehr wirksamen Luftabwehrsystems »Iron Dome«, das sämtliche auf die Gegend von Netanya gezielten Raketen abgefangen habe. »Das ist unser Glück«, sagt Spitzer. Eine halbe Stunde habe sie im Schutzraum verbracht. »Danach konnten wir unser Adrenalin abbauen«, erzählt sie. Der Beschuss in der Nacht zum Mittwoch sei der heftigste in den letzten Jahren gewesen. »So intensiv habe ich das noch nie erlebt«, sagt Spitzer, die es wissen muss. Sie hat noch gleichermaßen lebendige wie unangenehme Erinnerungen an den zweiten Golfkrieg Anfang der 1990er Jahre, als Israel mit Raketen aus dem Irak beschossen wurde. »Damals hatte ich mehr Angst, weil es hieß, mit den Raketen könnten auch chemische Stoffe wie Giftgas verschossen werden«, erinnert sich Spitzer.

In Israel ist es Vorschrift, dass Wohngebäude mit Schutzräumen ausgestattet sind, so auch das Haus von Edna Spitzer. Wie sie berichtet, seien die Hamas oder andere palästinensische Terrorgruppen mittlerweile in der Lage, Raketen aus dem Gaza-Streifen bis Netanya und auf noch weiter nördlich gelegene Ziele abzufeuern. Bereits Anfang 2019 hatten Terrororganisationen wie der Islamische Dschihad angekündigt, sie seien technisch in der Lage, mit Raketen Ziele wie Tel Aviv, Netanya oder Jerusalem zu erreichen. Die Vorwarnzeit in diesen Regionen beträgt nur eine knappe Minute. Spitzer: »Nicht alle haben die Nerven dafür, so etwas im normalen Alltag aushalten zu müssen.«

Spitzer, die die Politik der eigenen Regierung gegenüber den Palästinensern kritisch sieht, befürchtet, dass der Konflikt weiter eskaliert, sollte Israel mit Bodentruppen in den Gaza-Streifen einmarschieren. »Es sind auf beiden Seiten die einfachen Leute, die dafür bezahlen«, sagt sie.

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