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Auch der Schwulen- und Lesbenbewegung in Gießens 80er-Jahren ist eine Abteilung der Ausstellung gewidmet. FOTO: SCHEPP

Gießens erlebte Geschichte

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Gießen(gl). Das, was noch bis zum 31. Mai im Alten Schloss unter dem Titel "Feuer und Flamme für diese Stadt. Das bewegte Gießen in den 80er Jahren" zu sehen ist, dokumentiert erlebte Geschichte der Bewohner dieser Stadt. Und so verwunderte es auch nicht, dass der Andrang zur Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend im Museum sehr groß war. Bei den kurzen Eröffnungsansprachen von Oberbürgermeisterin und Museumsleiterin gab es im Netanya Saal keine freien Plätze mehr. Und auch anschließend herrschte einiges Gedränge beim Ausstellungsrundgang und bei Gesprächen in kleineren Gruppen, begleitet von DJ-Musik der 80er Jahre.

Vernissage mit Poetry-Slam

Ein munterer Poetry Slam, der zeigen sollte, dass die Themen des bewegten Gießens in den 80er Jahren auch heute noch relevant sind, stimmte die Besucher auf den Abend ein. Stefan Dörsing, Tilman Döring und Leticia Wahl trugen ihre Texte vor. Da ging es um die "Angst vor Wiederholungen", die "Wunde der Natur" in jedem Menschen oder darum, dass "Dasselbe doch immer wieder das Gleiche ist". Und eine Sammlung von Songzitaten zeigte, dass Sexismus von den 80ern bis heute auch in vielen Schlager- und Poptexten lebt. Man muss nur genau hinhören.

Der einzige Text, der dabei direkt etwas mit Gießen zu tun hatte, war Stefan Dörsings Hommage auf das "schön hässliche Gießen", eine Stadt, "die man nicht greifen, nur fühlen ... und riechen" könne, als Anspielung auf so manche Urin-Hinterlassenschaft in der Innenstadt. Und auch, dass es im "Dönerdreick" gleich vier Dönerläden gibt, war ebenfalls einen verbalen Seitenhieb wert. Aber immerhin zeigte sich Dörsing vom "Vibe der Stadt" in Bann gezogen.

Gänzlich gefesselt von der Ausstellung war Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Die jüngere Zeitgeschichte sei bekanntlich im Oberhessischen Museum bislang nicht präsent gewesen, mit dem Stadtlabor-Prozess und der aktuellen Ausstellung, die politische Plakate des bewegten Gießens in den 80ern als Kern hat, werde diese Lücke nun gefüllt, freute sich die Rathauschefin und bekannte durchaus persönliches Interesse. "Für mich ist das auch eine Zeitreise in die eigene erlebte Geschichte", bekannte Grabe-Bolz, nachdem sie die Tücken der Mikrofontechnik mit Humor gemeistert hatte ("das ist wohl auch 80er-Jahre-Technik"). Gießen sei in den 80er Jahren in Bewegung gewesen und "alles, was sich in den Großstädten abspielte, kam auch in Gießen an". Und offenbar auch in der damaligen Frauen-WG der heutigen Oberbürgermeisterin. Die fünf Schwerpunktthemen der Ausstellung - Wohnungsnot/Stadtplanung, Verkehrsentwicklung/Fahrraddemos, Atomkraft, Frauenbewegung/Emanzipation und Schwulen/Lesben-Bewegung - zeigten, "wieviel Geschichte und Geschichten es in der Stadt gibt."

Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch dankte nicht nur dem Museumsteam und Henning Wolf und Friedericke Stibane, die mit einer Sammlung politischer Plakate aus den 80ern den "Grundstock an Objekten" der Schau beigesteuert hatten, sondern auch den beiden Kuratorinnen Linn Mertgen und Dr. Julia Schopferer, die aus der "schier endlosen Weite des Materials" eine Auswahl getroffen hätten. Und weil das Museum sich auch als "Ort, an dem diskutiert werden darf" verstehe, machte die Museumsleiterin auch noch auf das umfangreiche kommunikative Rahmenprogramm der Ausstellung aufmerksam - mit Stadtrundgängen, Diskussionsrunden etc.. Alle Informationen findet man auf www.museum.giessen.de sowie auf Instagram (#feuerundflammefürgiessen) und auf Facebook (@museumgiessen).

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